
Cinderella und das Dramadreieck – warum wir Opfer, Täter und Retter zugleich sein können
Kennst du das Dramadreieck? Dieses Modell soll dabei helfen gewisse Konfliktdynamiken besser zu greifen. Und ich bin ganz ehrlich .. ich fand das echt cool, als ich es entdeckt habe. Nicht weil es toll ist, das auszuleben – sondern weil es so viel erklärt.
Nachdem ich jetzt aber eine Zeit lang damit gearbeitet habe und auch bewusst reflektiert habe … habe ich ein paar Bedenken zu dem, wie es oft erklärt wird. Denn meiner Meinung nach – beziehen wir je nach Perspektive eigentlich alle Positionen gleichzeitig.
Was ist das Dramadreieck überhaupt?
Ich nehme dich einmal in die grobe Theorie mit. Das Dramadreieck ist ein Modell, dass ein bestimmtes Beziehungsmuster beschreiben soll – so wie wir es aus vielen Filmen und Märchen kennen. Jede Person hat hier eine ganz klare Rolle.
Im Dramadreieck gibt es insgesamt 3 Rollen – das Opfer, den Täter und den Retter. Je nachdem, woher man das Dramadreieck kennt, gibt es hier noch weitere Bezeichnungen wie Held, Bösewicht, etc. – gemeint ist jedoch immer das selbe Prinzip.
Hier ist es wichtig noch einmal zu erwähnen – diese Rollen gibt es im echten Leben. Es gibt echte Täter, echte Opfer und echte Retter. Es gibt Situationen im Leben, die sind nicht nur Beziehungsdynamik sondern beinhalten Gewalt, Missbrauch oder Machtmissbrauch. In diesen Situationen sind alle theoretischen Überlegungen egal. Dann geht es um konkrete Hilfe im Moment.
Ich beziehe mich in diesem Beitrag jedoch nicht auf diese Situationen, sondern um Momente wo wir im Alltag in dieser Situation landen. Wenn unser Kind wütend die Treppe nach oben stapft und schreit „Du bist so unfair!“Wenn wir mit jemandem streiten und der Satz „Schon wieder machst du X!“ fällt. Da, wo keine Straftaten stattfinden, aber etwas mit unserer Beziehung geschieht.
Das Dramadreieck folgt gewissen „Regeln“ oder auch Erwartungen. Da wir das Dramadreieck so gut kennen, passiert es nun auch schnell, dass wir in dieses „Spiel“ miteinsteigen und unbewusst die Rolle einnehmen, die uns zugeteilt wurde.
Außerdem wechseln wir uns in diesen Rollen auch oft ab – je nachdem wie wir mit Situationen umgehen. Ein weiterer Punkt ist – je nachdem durch was für eine Brille ich eine Handlung betrachte, befinde ich mich in einer anderen Position. Und ich finde – hier wird es sehr spannend. Aber lass uns zuerst die Rollen genauer ansehen:
Das Opfer
Das Opfer fühlt sich zumeist ausgeliefert, hilflos, machtlos. Oft geht diese Position einher mit dem Gefühl, nichts für die Situation zu können oder auch nichts dagegen tun zu können. Die Person beschwert sich vielleicht über die Situation, gibt anderen die Schuld oder wertet sich sogar selbst ab.
Ein paar Beispiele: „Ich hab so wenig Geld wegen der Inflation.“ oder „Immer passiert mir sowas!“ oder auch „Ich fühle mich nicht schön, ich kann so keine kurzen Hosen tragen!“
Der Täter
Der Täter fühlt sich auf eine gewisse Art machtvoll, weil er andere kritisiert, dominiert oder abwertet. Auch er schiebt die Schuld auf andere (zumeist auf das Opfer).
Ein paar Beispiele: „Wegen dir muss ich leiden!“ oder „Weil du so bist, muss ich dich so behandeln.“ oder auch „Ich habe dir alles gegeben und nun agierst du so?“
Der Retter
Der Retter fühlt sich auf eine gewisse Art ermächtigt und gut, weil er anderen hilft. Oft hilft er jedoch, ohne darum gebeten zu werden.
Ein paar Beispiele: „Komm, ich mach das schnell für dich.“ oder „Du hast schon so viel getan – lass mich das doch machen.“ oder auch „Komm, du machst das ganz falsch – ich zeig dir, wie das geht!“
Rollenwechsel im Dramadreieck
Bisher war es sehr theoretisch, daher gebe ich ein konkretes Beispiel – Cinderella. Cinderella (Opfer) wird von ihren Stiefschwestern und ihrer Stiefmutter (Täter) unterdrückt. Der Prinz (Retter) befreit sie aus dieser Situation.
Und jetzt wandeln wir mal die Geschichte ab. Stell dir vor, Cinderella würde zurück gehen und ihren Stiefschwestern erzählen, dass der Prinz sie schlecht behandelt hat. Damit wäre der Prinz plötzlich der Täter und die Stiefschwestern die Retter. Und wenn wir jetzt die Rolle des Prinzen betrachten, der vielleicht gar nichts gemacht hat – dann ist er plötzlich das Opfer, Cinderella der Täter und die Stiefschwestern der Retter.
Und dann gehen wir noch einen Schritt weiter – vielleicht war Cinderella kein Opfer, sondern hat alles geputzt, um ihre Stiefschwestern und ihre Stiefmutter zu kontrollieren. Denn so konnte sie alles durchsuchen und hatte die Macht über den Haushalt, das Essen und den Tagesablauf. Dann wäre Cinderella der Täter, die Stiefschwestern und die Stiefmutter das Opfer und der Prinz der Retter.
Ein weiterer Schritt
Und jetzt sehen wir uns einmal die Dynamik von einer anderen Seite an. Wenn ein Opfer sagt „Ich bin nicht schuld, du behandelst mich ja so!“ … dann gibt sie dem Täter die Schuld. Damit sind wir eigentlich in der Täter Position, denn es ist quasi ein „Angriff“. Gleichzeitig empfindet der Täter selbst sich ja als Opfer – denn er ist ja nur so, weil der andere sich so verhalten hat oder verhält.
Das bedeutet nicht, dass wir nicht äußern dürfen, wenn wir verletzt wurden. Es geht darum, wie ich die Dinge formuliere. Sage ich „Ich habe mich so verhalten, weil ich verletzt war“ oder sage ich „Du bist schuld!“ Das eine beschreibt meine Wahrnehmung und ich bleibe verantwortlich, das andere verschiebt die Schuld und die Verantwortung von mir zum anderen.
Diese Rollen verschwimmen für mich sehr und sind eigentlich 2 Seiten einer Medaille. Warum braucht es also beide Rollen? Sind wir ehrlich – die meisten wollen lieber Opfer als Täter sein. Das Opfer ist nicht schuld und bekommt Mitleid, während der Täter ausgeschlossen wird und „böse“ ist.
Doch so einfach ist das im realen Leben nicht. Denn da wo wir uns als Opfer wahrnehmen, sieht uns jemand anders vielleicht als Täter oder Retter. Apropos Retter – auch er kann anders wahrgenommen werden. Denn wenn er etwas tut, ohne zu fragen und jemand das anspricht, kann er ganz schnell in Opfer oder Täter kippen – indem er entweder sagt „Ich wollte doch nur helfen!“ oder „Du wolltest doch die Hilfe!“.
Und ich stelle noch eine These auf – der Täter wird oft als „böse“ wahrgenommen – aber ist er es immer? Wie oft setzt jemand eine gesunde Grenze und hört dann, dass er egoistisch ist?
Wie steige ich aus dem Dramadreieck aus?
Gut – und wie genau kommt man denn jetzt da raus? In erster Linie hilft es, zu verstehen, dass man sich gerade im Dramadreieck bezieht und auf welcher Position sich gerade selbst sieht. Für mich ist es auch noch hilfreich, die Perspektive zu wechseln und zu überlegen, wie der andere mich gerade sieht.
In diesem Moment gehe ich in die Vogelperspektive und kann somit das akute Gefühl, das damit zusammenhängt und mich im „Film“ hält, ein wenig distanzierter betrachten. Denn wenn wir im Opfer sind kommen Gedanken wie „Das ist so unfair!“, im Retter haben wir vielleicht das Gefühl „Ich muss helfen!“ oder im Täter „Ich muss mich wehren!“. Und sind wir ehrlich – wenn wir starke Gefühle haben, denken wir oft nicht so klar, wie wir könnten. Das wirkt sich auch auf unsere Handlungen aus.
Wenn ich bewusst wahrnehme, was gerade passiert, kann ich einen Schritt weiter gehen und reflektieren, was meine Rolle hier ist. Was fühle ich? Was denke ich? Kommen alte Muster oder Glaubenssätze hoch? Ich übernehme Verantwortung für mein Handeln. Eine kleine Erinnerung – das heißt nicht, dass mein Verhalten gerade falsch ist. Wenn du eine gesunde Grenze setzt und plötzlich zum Täter gemacht wirst, sollst du die Grenze nicht zurück nehmen!
Wenn ich mich reflektiert habe, beruhige ich mich. Ich reguliere mich, mache eine Pause, trinke etwas oder kümmere mich um mich. Es ist wirklich wichtig, nicht aus einer starken Emotion heraus zu agieren, denn sonst bist du schnell wieder im Dramadreieck.
Wenn ich wirklich ruhig bin und ich Klärung brauche oder möchte, kann ich das Gespräch suchen. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisungen oder darum, dem anderen zu erklären, wo im Dramadreieck er sich befunden hat. Es geht darum zu sagen, was bei mir gerade los war. Und hier frage dich wirklich ernsthaft – möchte ich das klären oder mache ich das, weil man das eben so macht?
Fallbeispiel Cinderella
Ich gebe dir hier wieder ein Beispiel, um es greifbarer zu machen – wir bleiben bei Cinderella. Jede dieser Personen kann etwas dazu beitragen, aus dem Dramadreieck auszusteigen – auch wenn die anderen sich weiterhin im Dramadreieck beziehen.
Cinderella
Cinderella ist im Märchen das Opfer. Sie könnte für sich reflektieren, wo sie zu wenig Verantwortung für ihr Verhalten, ihre Gefühle oder ihre Situation übernimmt. Sie müsste hier eine gesunde Grenze setzen. „Ich merke, dass es mir zu viel wird, mich alleine um den Haushalt zu kümmern. In Zukunft werde ich X tun.“
Hier hilft es, zu wissen, was man anders machen möchte. Vielleicht will sie kochen, aber nicht mehr putzen. Möglicherweise will sie lieber putzen und nicht mehr kochen. Eventuell will sie in Zukunft nur mehr ihren Teil machen und die Stiefschwestern und Stiefmutter müssen sich um sich selbst kümmern. Das ist individuell und hier ist es wichtig, seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu kennen.
Ein kleiner Disclaimer an dieser Stelle – wenn du dich in einer Situation befindest, in der du wirklich ein Opfer bist – wenn jemand dir wirklich gefährlich werden kann oder auch wird – hole dir Hilfe! Bringe dich nicht in eine Situation, in der dein Leib oder Leben in Gefahr sind – deine Sicherheit geht immer vor!
Prinz
Der Prinz ist im Märchen der Retter. Er könnte sich in diesem Fall fragen, was seine Motivation ist und ob er die Erlaubnis von Cinderella hatte. Hat er gehandelt, weil Cinderella es sichtlich wollte – oder weil er sie retten wollte?
Helfe ich, damit jemand sich selbst ermächtigt oder übernehme ich so viel, dass die andere Person weniger Raum hat, um ihren eigenen Weg zu finden? Sehe ich uns als gleichgestellt an, oder rutsche ich innerlich in die Haltung, besser zu wissen, was gut für sie ist? Will ich vielleicht auch helfen, weil es mir schwer fällt, auszuhalten, dass der andere schlechte Erfahrungen macht?
Und nicht falsch verstehen – an sich ist es nichts Schlimmes, hilfsbereit zu sein, empathisch oder mitfühlend. All das sind gute Eigenschaften! Hilfe beginnt jedoch erst dort, wo sie erwünscht ist. Wir wissen nicht, was die andere Person denkt oder fühlt und können nicht einfach handeln, weil wir es für richtig empfinden – das wäre eine Grenzübersschreitung.
Auch an dieser Stelle wieder ein Disclaimer – das bedeutet nicht, daneben zu stehen, wenn sichtlich Gewalt passiert. Wir können, sollen und dürfen das (meiner Meinung nach) verhindern. Bei Gefahr für Leib und Leben gilt für mich persönlich der Grundsatz – erst schützen, dann fragen. Aber auch hier – bitte achte auf deine Sicherheit!
Stiefschwestern und Stiefmutter
Die Stiefschwestern sowie die Stiefmutter sind im Märchen die Täter. In diesem Fall könnten sie sich fragen, wo sie sich übergriffig verhalten und ob ihr Schmerz ihnen erlaubt, andere Menschen schlecht zu behandeln. In dieser Position geht es oft um Macht, Grenzen und Missbrauch der eigenen Position – daher hilft es, sich zu reflektieren, warum man so handelt. Handle ich entsprechend meinen Werten, meiner Integrität oder aus Angst?
Hier könnte man jetzt auch die Frage stellen, ob die Stiefschwestern nicht auch Opfer sind, weil sie aus Angst vor ihrer Mutter so handeln – oder aus Gewohnheit. Aber ich will hier keinen riesigen philosophischen Exkurs öffnen.
Und zur Vollständigkeit will ich auch hier einen Disclaimer setzen – wenn du Täter bist und anderen Menschen gefährlich wirst – suche dir Hilfe. Lass nicht zu, dass deine Scham, deine Wut, deine Hilflosigkeit oder welches Gefühl auch immer es ist, verhindern, dass du Hilfe suchst. Wenn du – warum auch immer – eine Gefahr für andere darstellst, ist es wichtig, daran zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Heilung beginnt dort, wo wir unseren Schmerz fühlen und hindurch gehen.
Abschließende Gedanken
Ich glaube, dass das Dramadreieck super hilfreich sein kann, um gewisse Dynamiken und Muster zu verstehen. Ich sehe aber immer wieder, wie es fast schon als „Waffe“ genutzt wird und da möchte ich tatsächlich vorsichtig sein. Denn es hilft keinem, wenn du dem anderen vor den Latz knallst „Du beziehst dich gerade als Opfer im Dramadreieck und so rede ich nicht mit dir.“
Es mag sein, dass du recht hast – aber es fühlt sich nicht gut an und es hilft auch nicht dabei, eine Lösung zu finden, konstruktiv zu bleiben oder eine Beziehung zu verbessern.
Und egal in welcher Position du dich gerade vielleicht wiedererkennst oder wiedererkannt hast – du bist deswegen nicht falsch. Das Dramadreieck begegnet uns so oft und ist so natürlich und fest in unserer Gesellschaft integriert, dass es ein Wunder wäre, wenn du vollkommen frei davon wärst.
Es ist einfach wichtig, sich darüber bewusst zu werden und in Konflikten einmal einzuchecken – wo stehe ich gerade? Was fühle ich gerade? Was kann ich tun? Besinne dich auf deine Werte, deine Bedürfnisse und bleibe bei dir und dem was dir gut tut. Dann hast du schon einen riesen Schritt unternommen, um aus dem Dramadreieck zu kommen.
Solltest du dir Hilfe oder Begleitung wünschen, melde dich auch gerne per Mail oder Instagram bei mir. Wir können uns deine Dynamiken und Muster gerne gemeinsam ansehen.
Foto: Kitera Dent / Unsplash


