Was emotionale Sicherheit wirklich bedeutet
Emotionale Sicherheit ist die Grundlage für Vertrauen, Heilung und echte Beziehungen – und trotzdem fällt es vielen Menschen schwer zu definieren, was Sicherheit eigentlich bedeutet. Wie fühlt man sich sicher? Was ist Sicherheit genau? Wofür braucht man sie und wie verliert man sie eigentlich? Gerade im Bereich Coaching, Mentoring oder Spiritualität wird der Begriff „sicherer Raum“ gerne genutzt. Ich glaube jedoch, dass die Definition, was genau sicher ist, selten gleich ist.
Was ist emotionale Sicherheit?
Für mich hat Sicherheit vor allem etwas mit Vertrauen zu tun. Aber wie definiert sich wiederum Vertrauen? Vertrauen entsteht, wenn jemand sein Wort hält und verlässlich ist. Wenn jemand (meiner Einschätzung nach) integer, ehrlich und kompetent ist. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, die Überzeugung, dass Taten und Worte hilfreich sind und keinen Schaden anrichten. Und wie sieht das bei uns selbst aus? Ich vertraue mir, wenn ich weiß, dass ich etwas kann oder schaffe. Hierbei ist nicht relevant, ob es um etwas geht, was ich tue oder ob es um z.B. das (aus-)halten von Emotionen geht. Glaube ich an mich, vertraue ich mir und das gibt mir wiederum Sicherheit.
Ein weiterer sehr wichtiger Aspekt von Sicherheit sind klare Grenzen und Kommunikation. Wenn ich mich darauf verlassen kann, dass jemand klar und ehrlich sagt, was er denkt, fühlt oder tut, dann gibt mir das Sicherheit. Außerdem braucht es das Vertrauen, dass jemand mir sagt, wenn ich seine Grenzen erreiche oder überschreite. So können auch seltener Erwartungen entstehen, die unbewusst Druck und Unsicherheit erzeugen.
Der dritte wichtige Punkt ist, dass meine Gefühle anerkannt werden. Wenn ich in einer Situation etwas empfinde, dann ist das so und niemand hat das Recht, mir meine Gefühle abzusprechen oder zu bewerten. Auch meine Körperempfindungen sind real und wahr. Jeder empfindet die Dinge anders – Sicherheit kann sich für Person A ruhig anfühlen, für Person B wie Wärme und für Person C ganz anders.
Wie sich emotionale Sicherheit zeigt
Sicherheit ist das Fundament für Beziehungen jeglicher Art. Auch für die psychische und emotionale Gesundheit ist Sicherheit ein wichtiger Faktor. Wenn ich mich nicht sicher fühle, kann ich nicht zu 100% ich sein. Bin ich sicher, kann ich verletzliche Situationen, Gedanken oder Gefühle teilen, mich authentisch zeigen und komplett ehrlich sein. Ich muss mich nicht verstellen oder übermäßig auf meine Worte oder Taten achten. Ich habe keine Angst vor der Meinung anderer und weiß wer ich bin und wo meine Grenzen sind. Man hat das Gefühl wirklich wahrgenommen und gewertschätzt zu werden – nicht weil man leistet, sondern weil man einfach ist, wie man ist. Außerdem ist man körperlich und geistig eher ruhig und entspannt. Da ist das starke Gefühl, dass die Beziehung hält, auch wenn man nicht immer einer Meinung ist. Außerdem gibt es (kaum) den Drang sich zu verteidigen oder übermäßig zu erklären.
Sicherheit bedeutet jedoch nicht, dass ich nie aufgebracht oder getriggert bin oder dass es nie zu Uneinigkeit kommen kann. Sicherheit bedeutet jedoch, dass ich weiß, dass es nicht schlimm ist, wenn es so ist. Dass die Beziehung nicht abbricht, weil ich eine andere Meinung habe. Dass ich weiß, dass wir nicht gegeneinander argumentieren sondern für uns. Emotionale Sicherheit bedeutet, dass ich mich in einer Beziehung ehrlich zeigen kann – ohne Angst vor Ablehnung, Bestrafung oder Liebesentzug. Sicherheit im eigenen Leben äußert sich so, dass ich mir vertraue. Dass ich mich durch starke Emotionen navigieren kann und meinen Gefühlen vertraue. Dass ich meiner Intuition vertraue und weiß, dass ich auf mich achte. Denn wir sind auch mit uns selbst in Beziehung.
Was Sicherheit nicht ist
Sicherheit ist keine Kontrolle und auch keine Harmonie, die nur funktioniert, wenn ich mich verbiege. Da, wo ich Konflikte vermeide oder mich emotional aus der Situation ziehe, ist ebenfalls keine Sicherheit. Auch Abhängigkeit (von Dingen oder Personen) und die Suche nach Bestätigung ist keine Sicherheit. All das sind verschiedene Formen von Angst. Angst, nicht gut genug zu sein, ausgeschlossen zu werden oder vor den eigenen Gefühlen. Und wenn Sicherheit bedeutet, dass ich klar kommuniziere und ehrlich bin – dann können diese Verhaltensweisen nicht sicher sein.
Oft zeigt sich Sicherheit erst in Konfliktsituationen. Kann ich eine andere Meinung haben, ohne die Beziehung zu gefährden? Darf ich Grenzen setzen, ohne ausgeschlossen zu werden? Ist es okay, wirklich ich zu sein und dabei vielleicht „zu viel“ sein? Darf ich wirklich ehrlich reagieren und meine Meinung sagen? Hier zeigt sich, ob die Beziehung sicher ist. Denn wenn das nicht der Fall ist – ist es nicht wirklich sicher.
Wenn wir Sicherheit mit Angst verwechseln
Wir haben im Laufe unseres Lebens oft gelernt, dass wir nicht wir selbst sein dürfen. Dass wir „zu viel“ oder „zu wenig“ sind. Und dadurch haben wir einige Verhaltensweisen erlernt, die uns Sicherheit geben sollen und uns aber eigentlich schaden. Viele Menschen maskieren sich – sie zeigen nur einen kleinen Teil von sich, lächeln, obwohl sie es nicht fühlen und sagen, wie gut es ihnen geht, obwohl sie innerlich zerbrechen. Andere erklären sich – sie sagen nicht ab, sondern liefern auch noch zur Sicherheit 5 Gründe, warum sie es tun, damit niemand ihnen böse ist. Wieder andere analysieren alles. Jedes Gespräch, jede Mimik und Gestik wird im Kopf hunderte Male durchgespielt und auseinandergenommen. Jede Möglichkeit wird abgewogen, damit nichts diese Person überraschen kann.
Auch Anpassung ist eine dieser Verhaltensweisen. Wenn man eigentlich laut ist, aber immer leiser spricht, weil man weiß, man ist sonst „zu viel“. Dort wo man statt dem Mini-Rock lieber eine Hose trägt, damit man nur niemandem auffällt. Wenn man über sexistische Witze im männerdominierten Büro lacht, damit man nicht ausgeschlossen und als „zickig“ oder „empfindlich“ betitelt wird. Da, wo wir lieber nicht sagen was wir denken, fühlen oder wünschen, weil wir Angst vor Ablehnung haben. Wo wir unsere Gefühle unterdrücken, um niemandem zur Last zu fallen. Wo wir uns Sicherheit schaffen, indem wir kontrollieren – egal ob Personen oder Handlungen. Da, wo wir abends sitzen und nicht zur Ruhe kommen, weil der Kopf immer weiter arbeitet. Wo Entspannung unmöglich scheint. Dort, wo wir uns so sehr nach Nähe sehnen und uns doch davor fürchten.
Und das ist nur ein Teil der Verhaltensweisen, von denen wir glauben, dass sie Sicherheit schaffen und wo wir doch unserer Angst erliegen. Ich zähle all das nicht auf, weil ich es verurteile. Auch ich kenne viele davon aus meinem Leben. Ich zähle sie auf, damit du verstehst, warum Sicherheit so fundamental wichtig ist. Damit wir hinsehen und ehrlich zu uns sind. Nicht für mich oder andere Personen – sondern für uns selbst. Weil die Person, die am meisten leidet – das sind nicht die anderen, sondern wir selbst. Heilung sollte nie für andere passieren, sondern immer nur für uns selbst.
Sicherheit ist der Grundstein für Heilung
Auch, wenn hier noch viele Beispiele folgen könnten, glaube ich, dass der Punkt klar ist. Sicherheit fühlt sich für jeden anders an – doch die Grundvoraussetzungen sind gleich. Es braucht Vertrauen, Klarheit und Ehrlichkeit. Ohne Sicherheit können wir – aus meiner Perspektive – nicht heilen. Denn unser Nervensystem überprüft ständig unsere Umgebung, ob wir gerade sicher sind. Erst wenn unser Körper versteht, dass wir uns nicht in Gefahr befinden, können wir entspannen, fühlen und heilen. Unser Nervensystem braucht emotionale Sicherheit, um tiefe Themen anzugehen und wirklich nachhaltig zu verändern. Nur dann, wenn wir uns sicher fühlen, können wir uns ganz zeigen – mit allem was da ist. Und das ist einer der wichtigsten Punkte für Heilung. Der Mut, hinzusehen und durch die Gefühle zu gehen. Die Sicherheit, dass wir unsere Gefühle halten können. Die Hingabe, um immer weiter zu gehen.
Denn Sicherheit lässt zu, dass wir freier sind. Kreativer, liebevoller, offener. Sicherheit schenkt uns die Möglichkeit, im Hier und Jetzt präsent zu sein, statt in vergangener Angst. Sie sorgt dafür, dass wir mutig unseren Weg gehen. Dass wir uns verbinden und lernen, wie echte Beziehung geht. Sicherheit hilft uns, uns und andere Menschen wahrlich zu sehen – mit allem was sie sind und ohne sie verändern zu wollen. Sie gräbt unsere verborgenen Schätze aus und hilft uns dabei, sie in unser Leben zu integrieren. Es bedeutet nicht, dass nie etwas Schwieriges oder Aufwühlendes passiert. Sicherheit bedeutet, dass wir uns nicht mehr permanent vor uns, anderen, dem Leben oder unseren Gefühlen schützen müssen. Dass wir frei atmen können. Dass wir weich werden und uns zeigen – ohne Angst, dass wir dadurch jemanden verlieren. Und ich glaube, dass genau darum Sicherheit der erste Schritt ist, damit wir wirklich heilen können.
