Perfektionismus ist oft nur People Pleasing
Manchmal ist etwas gut und trotzdem fühlt es sich nicht gut genug an. Wir wünschen uns ein großartiges und wunderschönes Ergebnis und vergessen dabei das Wichtigste – den Weg zu genießen. Das Ergebnis ist so kurz da, während der Weg doch den Großteil dessen ausmacht, was wir tun. Und wenn wir ganz ehrlich hinschauen, gibt uns ein perfektes Ergebnis oft gar nicht das zurück, was wir hineingesteckt haben. Der Weg war anstrengend – und am Ende bleibt trotzdem ein Gefühl von „ich bin leer“.
Woher kommt das?
Die Frage ist also: Warum machen wir das überhaupt? Einer der Gründe, warum wir das tun ist ganz simpel – Angst. Angst vor Versagen, Bewertung, den Blicken anderer, dem Getuschel, dem Gefühl nicht gut genug zu sein. Aber all das ist im Außen. All das ist nicht „für uns“ sondern für andere. Wenn wir ganz ehrlich sind, würden wir uns mit weniger zufrieden geben. Aber weil andere es sehen könnten, bewerten könnten und uns dann als weniger toll wahrnehmen könnten, verlieren wir uns.
Ich glaube, wir dürfen lernen, viel weniger auf die Stimmen anderer zu hören. Oder sogar die vermeintlichen Stimmen. Denn ich habe noch nie jemanden gehabt, der mich auf die unterschiedlichen Socken meiner Kinder angesprochen hat, wenn es mal schnell gehen musste und der zweite Socken nicht zu finden war. Es interessiert einfach niemanden – und das ist nicht nur bei Socken so.
Klar, wir sollen andere nicht vollkommen ignorieren und Feedback (sofern erwünscht) ist eine großartige Möglichkeit zur Weiterentwicklung. Doch wir sollten uns nicht vorher fertig machen, weil da jemand sein könnte, der vielleicht etwas sagt. Wenn wir Dinge tun, sollten in erster Linie wir zufrieden sein. Es ist unsere Zeit, unsere Energie und unser Herzblut, das da drinnen steckt. Die andere Person kann eine Meinung haben, aber das sollte nicht das Ergebnis definieren.
Was ist eigentlich Perfektionismus?
Perfektionismus wird oft sogar gefeiert. „Ich bin eben perfektionistisch“ klingt nach Stärke – bedeutet aber oft „Ich habe Angst vor Bewertung“. In manchen Fällen heißt es auch „Ich fange nichts an, was ich nicht perfekt abliefern kann“ oder „Ich lenke mich gerne mit Nichtigkeiten ab, während ich andere Dinge machen sollte“.
Perfektionismus ist vielseitig und ehrlich gesagt selten gut. Ich habe auch eine Zeit lang stolz dahinter gestanden, bis ich das Thema für mich reflektiert hatte. Denn ich war es aus den falschen Gründen. Ja, ich habe hohe Standards – manche sagen sie sind zu hoch – aber ich will nichts Perfektes erschaffen. Denn das gibt es nicht. Betrachten wir doch einmal das Wort Perfektionismus – es bedeutet, etwas ist unfehlbar, absolut perfekt, nicht mehr verbesserbar. Es impliziert, dass alle damit happy sein sollten – und das gibt es nicht. Niemals.
Perfektionismus und People Pleasing
Ich weiß, das klingt hart. Aber Perfektionismus ist oft eine Form von People Pleasing. Ein „ich will es allen recht machen“. Weil wenn wir es perfekt machen, dann sind wir gut und wenn wir gut sind, werden wir geliebt. Wenn du hier stockst und sagst „Nein, sehe ich anders“ – voll okay. Ich habe das bisher so erlebt und beobachtet, ich habe nicht „recht“. Es ist meine ganz persönliche These.
Ich glaube aber, es lohnt sich hinzusehen. Warum willst du es perfekt machen? Weil du hohe Standards hast? Das ist kein Perfektionismus – Standards haben Grenzen. Die Grenzen des eigenen Könnens und dessen was gerade möglich ist. Perfektionismus ist grenzenlos – denn es geht immer noch besser und noch mehr. Es gibt immer etwas, was angepasst werden kann. Und sind wir ganz ehrlich zu uns .. dann sind wir oft nicht für uns perfektionistisch, sondern für andere. Und lass uns hier noch eine Ebene ansehen – Standards machen Freude. Es macht Spaß, einen eigenen hohen Standard zu erfüllen und es macht stolz. Während Perfektionismus nicht von Freude sondern von Angst angetrieben wird.
Und da kommt meine These ins Spiel – wenn wir nicht für uns Perfektion anstreben, sondern für andere – dann wollen wir es anderen recht machen. Und warum wollen wir das? Warum ist das so wichtig? Weil wir uns alle nach Liebe, Lob, Anerkennung und Bestätigung sehnen. Weil es schön ist, wenn man uns sagt „Wow, das hast du toll gemacht!“ Daran ist nichts falsch. Die Frage ist jedoch – wie sehr beeinflusst uns das in unserem Handeln? Machen wir mehr, um das zu hören oder hören wir auf, bevor es zu viel wird?
Es ist ein Weg
Es ist ein schmaler Grat – zwischen Außen und Innen. Denn natürlich, dürfen wir das Feedback nicht komplett ignorieren, aber auch eben nicht zu sehr an uns ranlassen. Wir dürfen uns und unsere Standards nicht verlieren, aber wir dürfen auch nicht alles ignorieren. Gerade im Business-Kontext ist das natürlich ein großes Thema. Jeder Schritt auf diesem Weg, bringt uns näher zu uns und unserer Wahrheit. Denn Perfektionismus ist nicht das Ziel – ehrliche Standards sind es. Und die dürfen sich an uns selbst orientieren – nicht an der Angst vor anderen.
Foto: Niloufar Nemati / Unsplash


