Coaching & Beziehungen

Warum fühle ich mich so schuldig?

Vielleicht kennst du diese Frage. Vielleicht ist sie bei dir aber auch „Warum fühle ich mich wie ein Kind, wenn ich mit meinen Eltern spreche?“ oder „Wieso habe ich das Gefühl, nie gut genug zu sein?“ oder vielleicht auch „Warum mache ich immer alles falsch?“.

Eventuell ist es aber auch ein wenig schwerer greifbar: Du entschuldigst dich oft, denkst stundenland über Gespräche nach und überlegst, ob du etwas falsch gemacht hast. Du hast das diffuse Gefühl, dass du die Stimmung verbessern müsstest und selbst wenn jemand sagt „es ist alles in Ordnung“ – fragst du dich, ob du nicht doch schuld bist.

All diese Gedanken können aus dem selben Gefühl kommen – Schuld. Doch was ist Schuld eigentlich? Woher kommt sie und wie geht sie wieder? Diese Fragen möchte ich heute einmal näher beleuchten.

Ich schreibe in diesem Blogartikel oft Mama, Papa oder Eltern – es kann sich jedoch um jegliche Bezugsperson handeln. Egal ob Familie, Bekanntenkreis, Lehrer, Erzieher, Freunde, etc.

Was ist Schuld eigentlich?

Schuld hat meiner Meinung nach zwei Ursachen – beide brauchen jedoch zwingend eine zweite Person. Es gibt die Schuld, die entsteht, wenn wir andere Menschen verletzen. Und dann gibt es Schuld, die uns gegeben wird. Sie fühlen sich recht gleich an, deswegen sind sie schwer zu unterscheiden. Der größte Unterschied ist jedoch – bei Ersterem, sind wir verantwortlich und können etwas ändern. Bei Zweiterem nicht.

Doch wie soll man sie unterscheiden? Ich glaube, hier helfen vier ganz einfache Fragen:

  1. Habe ich bewusst jemanden verletzt oder in Kauf genommen, dass jemand verletzt wird?
  2. Konnte ich die Folgen für meine Handlung überhaupt einschätzen?
  3. War es überhaupt mein Verantwortungsbereich?
  4. Hatte ich tatsächlich die Möglichkeit, etwas zu ändern?

Ein weiterer wichtiger Unterschied ist auch die Dauer. Wenn ich wirklich schuld bin, kann ich etwas ändern und das Gefühl der Schuld vergeht irgendwann. Doch wenn ich Schuld zugeschoben bekomme, ist sie immer da. Weil nicht die Handlung falsch war, sondern ich scheinbar das Problem bin – und ich als Person bin ja immer da. Schuld sagt „ich habe etwas falsch gemacht.“ während übernommene Schuld sagt „mit mir stimmt etwas nicht.“ Wenn wir Schuld zugewiesen bekommen, dann grübeln wir auch sehr oft oder suchen nach Lösungen, die wir aber meist nicht finden.

Lass uns ein paar Beispiele ansehen, um diese Fragen noch ein wenig greifbarer zu machen.

Betrug

Hier entsteht Schuld – eigene Schuld. Denn alle Punkte treffen vollkommen zu. Es ist meine Verantwortung, denn ich bin eine erwachsene Person in einer Beziehung. Selbst wenn jemand anderer sagt „ach komm schon, ist doch nur ein Mal“ – es ist meine Entscheidung, meine Beziehung und daher auch meine Verantwortung. Ich könnte etwas ändern – ich kann gehen oder Nein sagen. Entscheide ich mich trotz allem dafür, nehme ich bewusst in Kauf, dass mein Partner verletzt wird. Und ich kann als erwachsene Person auch durchaus einschätzen, was für Folgen meine Handlung haben wird.

Um das Beispiel abzustecken: Ich rede von einer monogamen Beziehung und einem Betrug, der einvernehmlich passiert ist. Ob man hier schon ab anzüglichen Blicken, SMS, Telefonaten oder sonst was beginnen will – das muss jeder für sich entscheiden.

Emotionen anderer

Hier entsteht das, was ich „Schuld, die dir gegeben wird“ nenne. Stell dir vor, jemand fragt, ob du am Wochenende spontan beim Umzug helfen kannst und du sagst „Nein“. Du hast einen guten Grund – du bist müde, hast Schmerzen, vielleicht hat jemand Geburtstag – auf jeden Fall hast du es dir überlegt und entschieden, dass es nicht geht.

Jetzt wird der andere wütend, traurig oder ist enttäuscht. Vielleicht sagst du jetzt „Ja, aber ich hab die andere Person verletzt, also ist es meine Schuld.“ Ich sage – nein, ist es nicht. Denn du bist nicht für den anderen verantwortlich.

Wenn jemand dich um Hilfe bittet, ist es deine Zeit, deine Energie oder es sind deine Ressourcen. Das heißt es geht nicht um den anderen, sondern dich. Deine oberste Verantwortung ist dein Wohlergehen und es bringt niemandem etwas, wenn du dich übergehst. Außerdem hast du nicht Nein gesagt, damit der andere leidet, sondern weil du nicht kannst oder willst. Außerdem können wir nicht abschätzen, dass dein Nein so eine heftige Reaktion auslösen wird.

Und auch der letzte Punkt trifft nicht zu – du hättest nichts ändern können. Wenn du zum Beispiel einen Bandscheibenvorfall hast, kannst du das nicht einfach wegwünschen. Du musst die Dinge nehmen, wie sie sind. Vielleicht hast du die Ressourcen, die Zeit oder die Energie nicht – das macht dich nicht zu einem schlechten Menschen.

Gerade hier ist es wichtig, wirklich hinzusehen und die Fragen ehrlich zu beantworten. Denn wie oft überlegen wir uns mehrmals, wie wir etwas sagen oder wann, damit es nicht falsch ankommt? Damit der andere nicht wütend wird? Und wie oft klappt das wirklich? Wenn der andere seine Emotionen nicht regulieren kann – dann liegt das nicht an dir. Es liegt nicht an deiner Formulierung, deinem Ton, deinem Auftreten oder an etwas anderem, dass du ändern kannst. Die andere Person ist als Einzige dafür verantwortlich, zu lernen, mit ihren Gefühlen umzugehen. Natürlich müssen wir respektvoll miteinander umgehen und Rücksicht nehmen – aber gleichzeitig muss jeder seine eigenen Gefühle regulieren.

Der innere Kritiker

Ich will hier auch noch auf etwas eingehen, dass einige von uns kennen, aber vielleicht nicht sofort als Schuld einordnen würden. Vielleicht tritt der innere Kritiker auf, wenn du abends Schokolade, Eis oder Chips essen willst. Oder dann, wenn du Geld ausgibst, um dir eine Freude zu machen. Möglicherweise meldet er sich auch, wenn du nach einem harten Tag die Kinder vor das Tablet oder andere Medien setzt.

Und ich glaube, hier ist ein Punkt den wir im Alltag gerne übersehen – meistens spricht hier nicht unsere eigene Stimme. Denn wenn wir – im normalen Maß – eine dieser Entscheidungen treffen, ist das nicht schlimm. Wir müssen uns danach nicht schlecht fühlen und an uns selbst zweifeln. Aber warum tun wir es trotzdem? Weil wir uns schuldig fühlen. Weil da der Glaube ist, dass wir mehr tun müssten. Mehr Disziplin haben müssten, mehr leisten müssten. Aber stimmt das wirklich? Und woher kommt dieser Glaube?

Ich denke, diese Sätze kommen oft aus der Kindheit. Wenn wir früh gelernt haben, dass wir für alles und jeden verantwortlich sind – egal ob es stimmt oder nicht – dann sind wir immens hart zu uns selbst. Wir erwarten Dinge, die wir von keinem sonst erwarten würden. Oder würdest du deine beste Freundin/deinen besten Freund für solche Dinge verurteilen? Ich glaube, hier zeigt sich die Schuld, die uns von anderen gegeben wurde – gemischt mit Erwartungen anderer.

Schuld und Hoffnung

Ich glaube, diese beiden Gefühle gehören oft zusammen – vor allem bei Kindern und vor allem dann, wenn uns Schuld gegeben wird. Denn dann denken wir oft „Okay, wenn ich das Problem bin, dann kann ich auch die Lösung sein.“

Wenn du dieses Gefühl kennst, weißt du, wie schmerzhaft es ist. Aber gleichzeitig gibt es auch etwas, womit du arbeiten kannst. Es gibt dir eine gewisse Form von Sicherheit, die dir gerade im Außen fehlt. Denn dann habe ich das Gefühl, ich kann etwas tun – irgendetwas – um die Situation zu verbessern und muss mich nicht machtlos oder ausgeliefert fühlen.

Das klingt vielleicht noch ein wenig abstrakt, daher will ich ein paar mögliche Gedanken dazu nennen:

  • Wenn ich brav genug bin, streiten meine Eltern nicht mehr.
  • Wenn ich mich noch mehr anstrenge, dann ist meine Mama/mein Papa glücklich.
  • Wenn ich mich gut benehme, dann geht es meiner Mama/meinem Papa gut.

Doch gerade bei Schuld, die uns gegeben wird, ist das leider nicht so. Denn wir können nicht dafür sorgen, dass die Beziehung unserer Eltern gesünder wird. Wir können unseren Eltern nicht beibringen, sich zu regulieren. Und wir können auch nicht die finanziellen Probleme unserer Eltern lösen.

Das alles ist nicht unsere Verantwortung gewesen. Kein Kind – egal wie kompetent es ist – könnte das leisten.

Unser Kopf dreht das jedoch so – weil es uns hilft, diese Gefühle auszuhalten. Außerdem können wir als Kinder nicht verstehen, dass Mama/Papa „du bist schuld“ sagt, weil sie zum Beispiel überfordert sind. Und oft ist es auch so, dass Kinder diese Schuld von sich aus übernehmen. Nicht weil, das Konzept von Schuld gut tut – sondern weil es eben eine Form von Sicherheit und Handlungsmacht gibt.

Und hier ist auch wichtig zu erwähnen – vielleicht ist dieser Satz so nie gefallen. Kinder sind wahnsinnig sensibel und können auch Dinge auf sich beziehen, wenn nie jemand gesagt hat „du bist schuld“. Wenn man zum Beispiel als Kind beobachtet, wie ein Elternteil bei einem Geschwisterkind super gerne kuschelt, aber selbst immer weggeschickt wird. Aber auch Liebesentzug, Ignorieren, Wut, Kritik, Trauer, Ablehnung, etc. können ein Gefühl von Schuld auslösen – vielleicht nicht beim ersten Mal, aber bei Wiederholung.

Das heißt auch nicht, dass wir als Eltern nie Gefühle zeigen dürfen. Aber wir müssen achtsam sein, wie wir sie äußern und dass wir die Verantwortung bei uns behalten. Sätze wie „Wenn du das machst, werde ich wütend“ oder „wenn du mich haust, werde ich ganz traurig“ zeigen keine Gefühle, sondern verschieben Verantwortung zum Kind.

Wie Schuld unser Verhalten beeinflusst

Wenn wir von klein auf gelernt haben, dass wir für andere Menschen verantwortlich sind. Wenn in uns der Gedanke und feste Glaube ist „ich bin schuld“ – dann handeln wir oft nicht aus eigenem Antrieb heraus.

Was meine ich damit? Ich glaube, dass Menschen, die sich schuldig fühlen, oft dazu tendieren, ihre Umgebung abzuscannen. Wie fühlen sich andere? Was kann ich tun, um die Situation zu verbessern? Wie kann ich mich anpassen, damit alles gut geht? Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf meine Umgebung und die Menschen darin.

Damit ich mich nicht ausgeliefert, hilflos oder ohnmächtig fühlen muss, versuche ich schon vorher, so viel Sicherheit wie möglich zu schaffen, indem ich aktiv mein Umfeld durch meine Handlungen beeinflusse. Wenn ich zum Beispiel weiß, meine Eltern werden wütend, wenn ich ein Thema anspreche, lasse ich es ganz aus – auch wenn es mir wichtig ist. Ich glaube, hier beginnen auch die Grenzen zum People Pleasing zu verschwimmen. Denn manchmal entsteht People Pleasing auch aus erlernter Schuld.

Ich möchte hier auch noch einmal erwähnen – nicht jede Anpassung geschieht auf Grund von Schuld oder People Pleasing. Sobald wir uns in Beziehung befinden – egal ob familiär, zu Freunden, romantischer Natur, zu Kindern oder Tieren – passen wir uns immer an. Nicht weil wir müssen, sondern weil wir wollen, dass andere sich wohl fühlen. Wenn ich weiß, mein Partner bekommt Kopfschmerzen, wenn ich meine Musik höre, höre ich sie über Kopfhörer, alleine, in einem anderen Raum. Das alles ist normale Anpassung. Problematisch wird es da, wo ich mich nicht mehr sicher genug fühle, um Fehler zu machen. Wo ich wichtige Teile meines Selbst wegsperre und mich verbiege, bis ich mich selbst nicht mehr spüren kann. Oft haben wir dann auch das Gefühl, uns verloren zu haben.

Der Weg hinaus

Für mich beginnt der Weg hinaus schon dort, wo ich mir klar mache, ob etwas wirklich meine Verantwortung war. Denn dann kann ich schauen was jetzt passieren soll. Ich kann meine Gefühle anerkennen und wirklich fühlen. Die Trauer, den Schmerz, die Hoffnung, vielleicht die Wut oder den Ekel – was auch immer da ist.

Mit diesem Verständnis kann ich mir vielleicht verzeihen. Weil ich es nicht besser wusste oder konnte. Möglicherweise kann ich auch meinen Eltern verzeihen – denn Vergebung ist in erster Linie nicht für andere, sondern für mich selbst.

Und im nächsten Schritt kann ich schauen, ob ich etwas ändern möchte. Das muss kein riesiger Schritt sein. Es darf klein sein. Vielleicht möchtest du dir Hilfe suchen, um daran zu arbeiten. Möglicherweise willst du mit deinem innere Kind arbeiten oder auch einfach nur fühlen, was da ist.

Es darf auch Rückschritte geben. Heilung ist nicht linear. Immer wieder gibt es Punkte, an denen alte Muster und Verhaltensweisen auftreten und das ist okay.

Stell dir vor, du gehst jeden Tag den selben Weg. Doch dieser ist jetzt gesperrt und du musst einen anderen Weg gehen. Würdest du dich dafür verurteilen, dass du hin und wieder noch den alten Weg einschlägst? Vermutlich nicht. Es braucht Zeit, um neue Verhaltensweisen wirklich zu etablieren. Und die darfst du dir nehmen <3

Foto: Niloufar Nemati / Unsplash

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