
People Pleasing – Wenn Harmonie wichtiger wird als du selbst
Kennst du das? Du bist in einer Situation, in der jemand etwas von dir will und du sagst „Ja.“ Das ist an sich noch ganz normal. Aber was, wenn du dich gar nicht richtig spürst? Wenn du nicht bewusst Ja sagst, sondern ganz automatisch? Wenn du genau weißt, dass du es eigentlich nicht willst und dich dann trotzdem für den anderen entscheidest? Dann könnte das People Pleasing sein. Nicht, weil es einmal passiert. Sondern weil es immer und immer wieder passiert. Weil du dich eher übergehst, als dass du für dich einstehst.
Wenn andere an erster Stelle stehen
Wenn du jetzt hier sitzt und denkst „Ich kann aber Nein sagen, daher betrifft mich das nicht“ – lies noch ein Stückchen weiter. Denn People Pleasing bedeutet nicht, dass du nie „Nein“ sagst – es fällt dir nur schwerer. Vielleicht äußert es sich auch so, dass du gute Gründe findest um abzusagen. Stell dir vor, ein Freund oder eine Freundin fragen dich, ob du beim Umzug hilfst. Eigentlich brauchst du dringend eine Pause und hattest Pläne für dein Wochenende. Du wolltest auftanken, Serien gucken, spielen – einfach Pause machen. Keine Verpflichtungen, keine Anstrengung. Aber du willst auch helfen.
Und jetzt frage dich ganz ehrlich – würdest du einfach sagen „Nein, ich kann nicht“ oder würdest du es begründen? „Ich muss noch arbeiten“, oder „ich habe einen Termin, den ich nicht verschieben kann“ oder etwas ganz anderes? Und wie würde es sich anfühlen, abzusagen? Wäre es okay? Wären da Schuldgefühle? Würdest du dich vielleicht sogar entschuldigen, weil du nicht verfügbar wärst?
Vielleicht kennst du dieses nagende Gefühl von Schuld. Nicht, weil du etwas falsch gemacht hast, sondern weil sich tief in dir vielleicht der Glaube festgesetzt hat, dass du schuld bist, wenn etwas nicht klappt. Vielleicht hast du irgendwann gelernt, dass du verantwortlich bist – dafür, dass es anderen gut geht. Rational weißt du vermutlich, dass auch du ein Recht auf Pause hast und du niemandem deine ständige Verfügbarkeit schuldest – aber es fühlt sich trotzdem an, als würdest du jemanden im Stich lassen. Als wäre dein Nein eine Zurückweisung. Als wären deine Bedürfnisse weniger wichtig. Eine der Tücken von People Pleasing ist, dass man es gerne mal mit gesunder Empathie oder Nächstenliebe verwechselt. Denn die Frage lautet immer zuerst „Was löst das beim anderen aus?“ und das ist per se keine schlechte Sache. Man will niemanden enttäuschen oder verletzen. Doch People Pleasing geht noch einen Schritt weiter.
Vielleicht vermeidest du es, Dinge anzusprechen, die dich verletzen oder stören. Möglicherweise übergehst du dich regelmäßig. Vielleicht fällt es dir schwer, deine Wünsche und Bedürfnisse auszusprechen. Eventuell ist Harmonie für dich so wichtig, dass du lieber nichts sagst, als zu streiten. Vielleicht tendierst du dazu, alles was du tust zu hinterfragen. Oder du hast gelernt, dass es sicherer ist, Konflikte zu vermeiden – dass Harmonie wichtiger ist, als dein Wohlergehen. Vielleicht hat man dir auch beigebracht, dass du nur dann geliebt wirst, wenn du „brav“ bist und das tust, was man von dir will.
Wir alle haben unsere Muster. Jeder von uns hat sein Päckchen zu tragen. Und auch wenn eines dieser Dinge mit dir resoniert, heißt das nicht automatisch, dass du People Pleaser bist. Ich will dir keine Diagnose geben – das ist nicht Teil meiner Arbeit. Ich möchte dich einladen, für dich zu reflektieren, ob du zu dir und deinen Bedürfnissen stehen kannst – oder nicht.
Der gemeinsame Nenner
Was all diese oben genannten Verhaltensweisen gemeinsam haben ist, dass du dazu tendierst dich eher für andere als dich selbst zu entscheiden. Du würdest eher selbst leiden, zurückstecken oder dich übergehen, als den anderen zu enttäuschen. Oft versuchst du schon im Vorhinein zu erspüren und erraten, was der andere braucht oder will. People Pleaser haben oft ganz feine Antennen für andere Menschen. Gleichzeitig schwingt jedoch häufig die Sorge mit, ob sie gut genug sind und was die anderen wohl von ihnen halten. Wenn du diese Verhaltensweisen kennst, dann fühlst du dich vermutlich immens erschöpft. Es ist anstrengend, immer wieder alle anderen zu beobachten und sich anzupassen. Nie wirklich man selbst sein zu können. Gefühle und Wünsche zu unterdrücken und sich immer wieder zu übergehen.
Viele Menschen mit diesem Muster kämpfen nicht nur mit den Erwartungen anderer, sondern vor allem mit den Erwartungen an sich selbst und ihren Schuldgefühlen. Sobald sie sich für sich selbst entscheiden wollen, ist da Schuld und die Frage „bin ich egoistisch?“ oder „hätte ich mehr tun müssen oder können?“ Oft ist da auch das Gefühl, schuld zu sein, wenn andere enttäuscht sind. Sie fühlen sich verantwortlich für die Gefühle anderer, obwohl diese Verantwortung eigentlich gar nicht bei ihnen liegt. Und darum entscheiden sie sich oft lieber für die anderen – weil sie glauben, dass sie selbst damit schon klarkommen werden. Dass sie es schon aushalten, wie sie sich fühlen und lieber für den anderen da sein wollen.
All das kann viele verschiedene Dinge nach sich ziehen. Es können sich Wut und Frust aufstauen, die im schlimmsten Fall irgendwann explosionsartig aus dir herausbrechen. Durch den ständigen Stress können sich auch verschiedene körperliche Symptome zeigen, wie Verspannungen, Kopfschmerzen, Verstopfungen, Kieferanspannung, Herzrasen, Schlafprobleme, erhöhte Anfälligkeit für Infekte, chronische Erschöpfung, etc. Für mich ist aber eines der schlimmsten Dinge, dass wir uns selbst nicht mehr spüren. Wenn du immer auf andere und ihre Bedürfnisse siehst, verlierst du dich unterwegs selbst.
Du verlierst das, was dich ausmacht, deinen Selbstwert, dein inneres Feuer. Wir können nur authentisch und integer sein, wenn wir uns zeigen, wie wir wirklich sind – mit allen Ecken und Kanten. Und für mich persönlich, ist der Schmerz darüber, sich selbst verloren zu haben, viel größer als jedes andere Symptom. Gleichzeitig liegt hier die Chance, sich neu kennenzulernen – oder sich überhaupt kennen zu lernen. Denn wenn du nur gelebt hast, um anderen zu gefallen und nicht anzuecken, wer bist du, wenn da niemand ist? Was interessiert dich? Woran hast du Spaß? Es ist wie eine Abenteuerreise ohne Landkarte – und das Abenteuer bist du.
Und nun?
Wenn du dich hier wiederfindest, fragst du dich wahrscheinlich „Und jetzt? Schön, dass ich das alles weiß, aber was mache ich jetzt damit?“ Ich würde dir an dieser Stelle erst einmal gratulieren. Denn der erste Schritt zur Veränderung ist das Erkennen. Wenn ich weiß, wo ich stehe, kann ich herausfinden, wo ich hin will und dann schauen, was ich brauche, um dorthin zu gelangen. Vielleicht weißt du nicht, was du willst. Das ist okay und normal. Gerade, wenn du dazu tendiert hast, dich selbst nicht wichtig zu nehmen, kann es eine Weile dauern, herauszufinden, wer du bist. Aber du kannst einfach starten, indem du Dinge ausprobierst. Mit kleinen Schritten und Entscheidungen. Indem du wieder beginnst auf dich und deine Intuition zu hören.
Und vielleicht merkst du, dass du dich taub fühlst oder dass du nicht weißt, was du fühlst – auch das ist okay. Wichtig ist nicht, dass du von heute auf morgen alles perfekt machst – ein Schritt genügt. Oft sind es nicht die großen Entscheidungen, die unser Leben nachhaltig verändern, sondern die vielen kleinen Schritte unterwegs. Stell dir ein Schiff vor und du stehst am Steuer. Wenn du das Rad nur um 1° drehst, kommst du schon an einem ganz anderen Ort an. Und vielleicht reicht es für den Anfang schon, zu bemerken, wann du dich selbst verlässt, um für andere da zu sein.
Foto: Kinga Howard / Unsplash


