
Konsens ist nicht einfach nur ein „Ja“
Aktuell sehe ich immer wieder das Thema „Konsens“ und ich frage mich, ob die Grundannahme, die unter diesem Thema liegt, jemals in Frage gestellt wurde. Denn Konsens ist nicht nur „jemand sagt Ja“ – es ist viel mehr. Und weil mir diese Perspektive teilweise fehlt, möchte ich mir die Zeit nehmen, hier eine Ecke tiefer zu gehen.
Mir ist bewusst, dass dieses Thema sehr heikel ist und ich möchte wirklich achtsam damit sein. Gleichzeitig möchte ich nicht Teile auslassen, nur weil sie vielleicht unangenehm sind oder Empörung auslösen können, obwohl sie für mich zu diesem Thema dazugehören. Ich werde bewusst keine Schuld zuweisen oder absprechen. Es gibt keine Entschuldigung für gewisse Dinge – gleichzeitig bin ich sehr dafür, zu versuchen, Zusammenhänge zu verstehen. Nicht, um das Verhalten eines anderen zu entschuldigen, sondern weil dieses Verständnis uns selbst helfen kann.
Mir hat es schon immer sehr geholfen, beide Seiten aus einer distanzierten Sicht zu betrachten, um meine eigene Position finden zu können. Und vielleicht hilft dieser Blogbeitrag dabei, ein wenig Nebel rund um das Thema zu lichten und dadurch einen Zugang zu finden, der im eigenen Leben angewandt werden kann.
Ich rede in diesem Artikel ganz bewusst NICHT von bestimmten Situationen. Konsens findet man in jeder Lebenslage. Beim Einkaufen, beim Auto fahren, in einer Bar, im Schlafzimmer, in der Kindertagesstätte, der Schule, im Job, in der Medizin, online – überall. Es geht hier nicht um einen bestimmten Bereich – es geht um jegliche Situation.
Überall da, wo Menschen zusammenkommen und mehr als eine Person von einer Entscheidung betroffen ist. Da, wo ich etwas erzählt bekomme und entscheide, ob ich es für mich behalte oder weitererzähle. Da, wo ich ein Foto mit jemandem schieße und es verschicke. Dort, wo eine Entscheidung getroffen wird, die nicht nur die Person betrifft, die entschieden hat.
Konsens entsteht dort, wo ich eine echte Wahl habe
Der – für mich – allerwichtigste Eckpfeiler ist die freie Wahl. Fühle ich mich überhaupt sicher genug, um Nein zu sagen? Muss ich mit Bestrafung, Druck oder bewusst erzeugten negativen Konsequenzen rechnen? Denn wenn diese Sicherheit nicht vorhanden ist, brauchen wir gar nicht weiter reden – dann müsste die Handlung sofort aufhören.
Nur wenn ich die Option habe, Nein zu sagen, kann ich auch aus vollem Herzen Ja sagen.
Echter Konsens ist nicht immer ein vollkommen überzeugtes „JA!“ mit Enthusiasmus und Selbstbewusstsein. Unsicherheit ist nicht automatisch ein Zeichen für fehlenden Konsens – manchmal zeigt es nur, dass man etwas noch nie (so) gemacht hat. Gleichzeitig ist es bei Unsicherheit wichtig, besonders achtsam zu sein und immer wieder zu prüfen – ist es wirklich noch ein Ja?
Konsens entsteht dort, wo ich wirklich eine Wahl habe – zu jeder Zeit. Da, wo ich mich sicher genug fühle und weiß, dass ich Nein sagen kann, ohne dafür bestraft oder unter Druck gesetzt zu werden. Da, wo ich wieder aufhören kann, wenn ich merke, dass ich nicht mehr möchte.
Die vielen Aspekte des Konsens
Und in diesem Thema spielen noch so viele andere Variablen mit hinein. Hier sind viele Dinge wichtig – egal ob es um zwei Personen geht oder eine Gruppe von Menschen.
Können sich beide selbst spüren und wirklich einschätzen, ob sie es wollen? Können sie auch in der Handlung selbst „Stopp“ sagen? Sind beide dazu in der Lage auch wirklich aufzuhören? Wie steht es um die Integrität und Moral der beiden? Wird eine Grenze akzeptiert oder wird versucht zu überzeugen oder zu manipulieren? Wie oben schon erwähnt – ist es überhaupt sicher Nein zu sagen oder sind die Konsequenzen selbst schlimmer als die Grenze zu halten? In Gruppen fällt auch noch der Gruppendruck mit hinein. Kann ich mich behaupten, auch wenn andere mich dafür vielleicht bestrafen oder ausschließen?
Konsens ist keine dauerhafte Zusage
Nur weil jemand heute Ja sagt, muss er morgen nicht auch Ja sagen. Konsens ist keine dauerhafte Zusage. Es ist ein aktueller Zustand, der innerhalb von Sekunden wechseln kann. Was sich jetzt richtig anfühlt, kann kippen.
Und ein Ja gilt auch immer nur für das, wozu ich tatsächlich Ja gesagt habe. Nur weil ich einem Foto zustimme, heißt das nicht, dass ich auch möchte, dass es veröffentlicht wird. Und nur weil ich jemandem etwas Persönliches erzähle, darf diese Person es nicht automatisch weitererzählen. Um überhaupt wirklich Ja sagen zu können, muss ich also auch wissen, wozu ich eigentlich Ja sage.
Machtgefälle
Und dann ist da noch die Frage – gibt es ein Machtgefälle? Wenn jemand, der mehr „Macht“ hat, etwas sagt, kann allein dieses Gefälle meine Entscheidung beeinflussen. Nicht, weil bewusst Druck ausgeübt wird, sondern weil eine Person mehr Einfluss hat als die andere. Vielleicht wird Nähe, Wissen, Liebe, Anerkennung, Beziehung, Geld, Sicherheit oder etwas anderes entzogen, wenn eine Grenze gezogen wird.
Hier stellt sich wiederum die Frage – wie frei kann eine Entscheidung in so einer Situation wirklich sein? Ab wann wird dieser Einfluss zu Druck? Wann wird aus einem Wunsch eine Erwartung? Wann wird der Versuch, jemanden zu überzeugen, zu Manipulation? Hier braucht es wieder Bewusstsein, Empathie, Moralverständnis und Integrität. Denn nur weil ich Macht habe, muss ich sie nicht bewusst einsetzen. Gleichzeitig kann sie aber trotzdem wirken – auch dann, wenn ich das gar nicht beabsichtige.
Wenn kein Nein ausgesprochen wird
Gerade da, wo mein Gegenüber nicht aktiv Nein sagt, bin ich trotzdem in der Verantwortung, offen zu bleiben. Ich kann nicht einfach sagen „Du hast nicht Nein gesagt“ und weitermachen. Niemand kann Gedanken lesen, aber wir alle sind dazu in der Lage, unser Gegenüber zu beobachten und wirklich Interesse an der anderen Person und ihrem Wohlergehen zu haben. Ich frage lieber einmal zu viel nach, als etwas zu tun, was der andere nicht will.
Überzeugung und Druck
Gerade Überzeugung ist für mich oft ein Balanceakt. Ich kann jemandem meine Argumente darlegen – aber kann ich auch aufhören und das Nein akzeptieren? Und kann mein Gegenüber wirklich Nein sagen oder ist klar, dass ich weiter mache, schmolle oder auf eine andere Art Druck ausübe?
Es geht hier nicht darum, dass ich nicht enttäuscht sein darf. Natürlich darf ein Nein etwas in mir auslösen. Die Frage ist vielmehr, was ich mit dieser Enttäuschung mache. Darf mein Gegenüber bei seinem Nein bleiben – oder lasse ich es meine Enttäuschung so deutlich tragen, dass die weitere Unterhaltung davon überschattet wird?
Die Gesellschaft und deren Einfluss
Wir alle – egal wie bewusst wir bereits unterwegs sind – haben gelernt, wie wir uns verhalten zu haben. Wir wachsen auf eine bestimmte Art und Weise auf, lernen einen gewissen Umgang miteinander und worauf wir reagieren und worauf nicht. Und natürlich können wir uns dieser Muster bewusst werden und uns anders entscheiden. Gleichzeitig sind diese Muster tief in uns vergraben und je nachdem, wie man aufgewachsen ist, ist es schwer diese überhaupt zu verstehen oder zu durchbrechen. Das ist KEINE Entschuldigung für schlechtes Verhalten oder dafür wegzusehen. In keinster Weise. Es ist jedoch ein wichtiger Aspekt des Ganzen, der nun einmal Teil der Diskussion um Konsens sein sollte. Nicht, weil dadurch etwas gut oder okay wird oder Verantwortung verschwindet – sondern weil für mich auch hier Verständnis und Empathie wichtig sind. Verstehen bedeutet nicht entschuldigen. Blind zu verurteilen führt selten zu Veränderung.
Wenn Konsens schief läuft
Nicht immer steckt hinter fehlendem Konsens eine böse Absicht. Manchmal fehlt die Empathie. Vielleicht werden Dinge übersehen. Manchmal gibt es Missverständnisse. Manchmal merkt man erst später, dass man etwas nicht wollte. Und manchmal wird eine Grenze auch ganz bewusst ignoriert.
Hier geht es wieder um Sicherheit. Kann gesagt werden, dass etwas aus Retrospektive nicht okay war, ohne dass daraus ein „Aber du hast doch gesagt, dass …“ wird? Ohne in Rechtfertigungen und Schuld zu rutschen? Kann ich aushalten, dass mein Verhalten jemand anderen verletzt hat?
Kann ich das Erleben einer anderen Person akzeptieren, auch wenn mein eigenes anders ist? Bin ich dazu in der Lage Verantwortung für meinen Anteil zu übernehmen? Kann ich daraus lernen und in Zukunft achtsamer damit umgehen?
Und auf der anderen Seite – kann ich damit umgehen, dass ich mich selbst vielleicht übergangen und mein eigenes Nein in diesem Moment nicht wahrgenommen habe? Kann ich damit umgehen, dass sich etwas nicht richtig anfühlt und dass ich es vielleicht nicht klar einordnen kann?
Wer trägt die Verantwortung?
Ich glaube, das kann man nicht pauschalisieren, da es immer auf die Umstände ankommt.
Wenn ich selbst in einem Moment nicht weiß oder spüre, was ich möchte, kann es sein, dass auch mein Gegenüber das nicht erkennen kann. Wenn ich Nein sage und mein Gegenüber ignoriert mein Nein, muss ich nicht automatisch daraus schließen, dass ich nicht klar oder überzeugend genug kommuniziert habe.
Für mich ist jedoch klar, dass die Person, die mehr Macht hat, mehr Verantwortung dafür trägt, die Freiwilligkeit der Entscheidung zu schützen bzw. zu ermöglichen.
Und nun?
Wenn ich weiß, was alles nötig ist, damit echter Konsens stattfinden kann und wo überall Einfluss herrscht, kann ich bewusster wahrnehmen, was ich möchte, wo meine Grenzen liegen und in welchen Situationen ich mich sicher fühle. Gleichzeitig finde ich dieses Thema als Mutter ungeheuer wichtig. Denn es gibt mir noch einmal einen anderen Blickwinkel. Darauf, wie ich mit meinen Kindern umgehe und wie meine Handlungen ihre Wahrnehmung beeinflussen. Denn wir üben Konsens mit Kindern nicht erst dann, wenn sie alt genug sind, um zu verstehen, was Konsens ist. Wir leben Konsens vor – ab dem ersten Tag.
Und hier finde ich wichtig zu unterscheiden zwischen „das muss so sein“ und „ich möchte, dass es so ist“. Denn wenn mein Kind z.B. notwendige Antibiotika braucht, kann ich seinem Nein vielleicht nicht entsprechen. Ich kann es aber trotzdem wahrnehmen, ernst nehmen und schauen, wie viel Mitbestimmung innerhalb dieser Situation möglich ist. Gleichzeitig kann ich sehr wohl akzeptieren, dass es vielleicht im Winter zu Hause ohne Socken herumlaufen will. Nicht jede Sorge oder Angst meinerseits gibt mir die Berechtigung, das Nein meines Kindes zu übergehen. Und ich finde, hier ist einfach sehr viel Raum zu lernen und zu reflektieren. Wo übergehe ich vielleicht noch das Nein meines Kindes?
Aber auch in der anderen Richtung lohnt es sich, hinzusehen. Denn wir leben unseren Kindern vor, wie man Mensch ist. Wo übergehe ich MEIN Nein und mache etwas, weil man genug Druck ausübt? In welchen Situationen lasse ich mich überreden? Wo spüre ich mich nicht selbst und sage daher Ja, obwohl ich Nein meine? Wann fühle ich vielleicht, dass der andere etwas nicht will, mache es aber trotzdem? Wo mache ich Dinge, weil „man das so macht“ und man ansonsten sozial ausgeschlossen wird?
Dieses Thema ist riesig und ich glaube, dass wir hier immer wieder lernen dürfen.


