Die Gezeichnete – Kapitel 3
Leyla ist die Gezeichnete.
Ryan ist der Auserwählte.
Das Dorf glaubt an Prophezeiungen.
Ryan glaubt an Leyla.
Als die Dunkelheit näher rückt, muss er sich entscheiden:
Ob er das Schicksal erfüllt – oder alles opfert, um einen anderen Weg zu gehen.
Eine Geschichte über Liebe, Wahrheit und das, was von uns bleibt.
Seit 10 Jahren herrschte Funkstille zwischen ihnen. Während Ryan neue Freunde gefunden hatte und immer stärker geworden war, blieb Leyla für sich. Kaum jemand konnte noch mit ihm mithalten – weder in Sachen Kraft noch Magie.
Das Ansehen seiner Eltern war gestiegen und alle waren sich sicher, dass er bereit war. Leyla hingegen wurde immer schlimmer behandelt. Je älter sie wurden, desto schöner wurde sie. Die Mädchen waren neidisch und die Jungs fühlten sich zu ihr hingezogen. Immer öfter wurde Leyla nach der Schule abgepasst und geärgert. Es begann harmlos mit Worten und spöttischen Bemerkungen. Doch irgendwann begannen die Angriffe schlimmer zu werden. Sie wurde geschubst, an den Haaren gezogen und offen bedroht. Niemand schützte sie und dadurch fühlten sich die anderen im Recht.
Eines Tages hörte Ryan, wie die Jungs miteinander flüsterten. Wann immer er in die Nähe kam, hörten sie auf zu sprechen. Das erschien ihm suspekt, also tat er so, als würde er nach Hause gehen, versteckte sich hinter einem Baum und wartete ab.
Kurz nachdem Leyla die Schule verlassen hatte, kamen auch die Jungs heraus. Sie stießen sich die Ellbogen in die Seite, grinsten fies und zeigten auf Leyla. Diese ging völlig unbeeindruckt weiter. Merkte sie denn nicht, in was für einer Gefahr sie schwebte? War es ihr egal? Die Jungs liefen ihr hinterher und kesselten Leyla ein. Sie zogen sie in eine stille Ecke außerhalb der Sichtweite der Fenster.
Ryan schäumte vor kaum gezügelter Wut. Jetzt reichte es. Er hatte wirklich viel mit angesehen, aber das ging eindeutig zu weit. Er wusste, dass Leyla stark war und sich wehren konnte. Dass sie keine Hilfe von ihm wollte oder brauchte. Aber er konnte nicht einfach tatenlos zusehen, wie diese Idioten mit ihr machten, was sie wollten, nur weil irgendeine blöde Prophezeiung das so besagte!
Flammen züngelten aus seinen Fingern und er stampfte um die Ecke. Dort sah er, wie Leyla scheinbar vollkommen unbeeindruckt an der Hauswand stand, während die Jungs immer näher kamen und ihr erklärten, sie könne froh sein, wenn sie überhaupt jemand anfassen würde, bevor sie starb.
„Was zur Hölle macht ihr da?“ Seine Stimme war gefährlich ruhig, aber allein der Ton hätte Glas schneiden können.
Die Jungs drehten sich überrascht um. „Wir wollten uns nur mit Leyla unterhalten. Sie ist so einsam, weißt du? Alles okay, oder Leyla?“
Die Flammen an seinen Händen züngelten höher. „Ist das so? Ich glaube, ihr solltet nach Hause gehen. Leyla scheint diese Unterhaltung nicht zu gefallen.“
Zwei der Jungs sahen sich unsicher an und gingen einige Schritte von Leyla weg. Aber einer – vermutlich derjenige, der das Ganze angezettelt hatte – blieb standhaft. „Sag mal, was kümmert es dich eigentlich? Solltest du dich nicht von ihr fernhalten? Als ‚Auserwählter‘? Verschwinde und kümmere dich um deinen eigenen Kram!“
Er drehte sich wieder zu Leyla um. In dem Moment, in dem er nach ihr greifen wollte, riss Ryan der Geduldsfaden und das Feuer fand seinen Weg zur Hand des Jungen.
Überrascht schrie er auf und zog die Hand weg. Doch das Feuer verfolgte seine Hand. Ryan ging mit großen Schritten zu Leyla, die das Ganze nur stumm beobachtet hatte, und zog sie mit sich aus der Ecke und in die Schule.
Dort ging er mit ihr in eine leere Toilette, schloss ab und baute sich vor ihr auf. Er war noch nie in seinem Leben so wütend gewesen und er wusste nicht, auf wen er gerade am meisten wütend war. Auf sich? Leyla? Die Jungs? Die Lehrer der Schule? Die Erwachsenen? Vielleicht auch auf die drei Schwestern? Er atmete tief durch, um sich zu beruhigen, doch es half nicht wirklich.
„Warum meidest du mich?!“, fragte er sie.
„Das tue ich nicht“, sagte sie leise, aber sie sah ihn dabei nicht einmal an.
Fast hätte er gelacht, auch wenn es eigentlich alles andere als lustig war. „Willst du mich verarschen? Natürlich tust du das! Seit diesem Tag mit den drei Schwestern am Berg! Was zur Hölle ist passiert? Ich war bei dir und habe Steine an dein Fenster geworfen. Ich habe dich überall … ich dachte, du wärst weggegangen! Weißt du, was für Sorgen ich mir gemacht habe?!“
Er wurde mit jedem Wort lauter. Leyla sah ihn immer noch nicht an und frustriert fuhr er sich mit den Fingern durch die Haare.
„Ich habe gewartet. Jeden Tag. Auf ein Zeichen. Irgendwas. Ich war immer da. Mich interessiert diese bescheuerte Prophezeiung nicht – das hat sie nie! Du warst immer meine beste Freundin und das wirst du auch bleiben. Auch wenn du mich ignorierst. Also warum? Erkläre es mir!“
Sie seufzte. „Es ist … nichts … du hattest zu tun.“
„Schwachsinn! ICH habe uns nie aufgegeben, du schon! Kommst du nicht damit klar, dass ich stärker bin als du? Ist es, weil ich der Auserwählte bin? Hast du Angst, dass ich dich verletzen könnte?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich …“
„Was, Leyla? Was ist es? Sag es endlich!“
„Ich weiß es nicht, okay?“
Er konnte sehen, wie sehr sie es hasste, dass er sie so drängte, aber er brauchte endlich Antworten. Dieser Schwebezustand brachte ihn noch um. Und nun sah sie ihn wenigstens endlich an, auch wenn es aus Wut war.
„Das reicht mir nicht! Sprich mit mir, verdammt!“
Plötzlich rüttelte es von außen an der Tür. „Hey, seid ihr bald fertig? Ich muss aufs Klo!“
„Verschwinde, es dauert noch! Such dir ein anderes Klo!“, rief Ryan frustriert.
Ein genervtes Seufzen und Schritte, dann waren sie wieder allein. Leyla starrte wieder an die Wand und Ryan riss nun endgültig der Geduldsfaden. Er baute sich über ihr auf und kesselte sie mit seinem Körper so ein, dass sie nicht mehr weg konnte. Er war ihr schon lange nicht mehr so nah gewesen und er merkte, wie sein Herz anfing zu rasen.
Konzentrier dich, Ryan. Das ist deine Chance, das endlich zu klären – lass dich nicht von deinen Hormonen ablenken!
„Sieh mich an.“ Seine Stimme war sanft, aber bestimmt.
Leyla starrte demonstrativ auf seine Brust. „Nein.“
„Warum nicht?“
„Ich kann nicht.“ Sie schüttelte traurig den Kopf.
Sanft fasste er ihr Kinn und drehte ihr Gesicht zu sich. „Rede mit mir. Ich bin immer noch da. Ich bin immer noch ich. Und ich bin hier. Bitte. Rede. Was hat sich verändert?“
„Ich weiß es nicht. Ich kann nicht.“ Sie schüttelte traurig den Kopf und in ihren Augen sah er Tränen.
„Ich kann so nicht weitermachen. Du warst meine beste Freundin. Und jetzt? Wir sind Fremde. Das tut weh. Habe ich etwas getan?“
Leylas Schultern sackten ab. „Nein. Ich … ich kann es dir nicht erklären. Bitte … lass mich einfach gehen.“
„Nein. Ich werde nicht aufgeben. Ich habe dir Zeit gelassen und es ist nur schlimmer geworden. Ab jetzt werde ich dir nicht mehr von der Seite weichen. Du und ich gegen den Rest der Welt, weißt du noch? Du gehörst zu mir und Ende.“
Ryans Augen funkelten vor Entschlossenheit. Egal, was passierte, er hatte einen Entschluss gefasst und den würde er bis zum Ende durchziehen. Ab sofort würde er nicht mehr von ihrer Seite weichen. Er würde sie beschützen und ihr zeigen, dass sie immer noch zusammengehörten. Auch wenn sie das gerade nicht so toll fand.
„Bitte … lass mich einfach. Ich weiß, du verstehst es nicht, aber … das geht nicht mehr. Du hast genug andere Freunde. Du kommst auch ohne mich klar.“
Er konnte die Verzweiflung in ihren Augen sehen und sie traf ihn tiefer als alles, was er bisher erlebt hatte. Glaubte sie wirklich, dass er andere Freunde brauchte oder wollte? Er wollte nur Leyla. Schon immer.
„Nein.“
„Aber …“
„Nein.“
„Du bist so ein Idiot!“
Leyla bebte vor Wut, ihr Atem ging stoßweise und ihre Augen blitzten gefährlich.
„Nein.“
„Verdammt, ich mache das für DICH!“ Sie schrie mittlerweile, doch er wich keinen Millimeter zurück. Zu lange hatte er darauf gewartet, dass sie endlich darüber sprechen konnten. Sie konnte ihn anschreien, verfluchen, schlagen oder wütend werden. Er würde alles durchstehen – solange sie danach endlich wieder zusammen waren.
„Ich bin nicht gut für dich. Du weißt, was sie von mir halten. Ich bin die Gezeichnete. Du weißt, was das mit mir gemacht hätte. Lass mich doch einfach in Ruhe!“
Leyla versuchte, sich an ihm vorbei zur Tür zu drängen, doch Ryan stand direkt davor.
„Nein. Du bist meine beste Freundin. Schon immer. Und du wirst es bleiben. Es hat sich nichts geändert.“
„ALLES hat sich geändert!“
„Nein. Das Einzige, was sich geändert hat, ist, dass ich dich liebe. Du bist die, die ich an meiner Seite will – für den Rest meines Lebens. Ich werde das nicht unter den Teppich kehren, nur weil unser Dorf voll von Idioten ist. Also werde ich weiterhin deine Nähe suchen, nett zu dir sein und dich umgarnen. Solange, bis du mir gehörst – oder mir ehrlich sagen kannst, dass du nicht dasselbe empfindest wie ich.“
Während er sprach, kam er immer näher. Die letzten Worte flüsterte er ihr nur noch ins Ohr.
„Das … das kannst du nicht …“
„Oh doch und ob ich das kann.“ Ryan grinste sie frech an und er konnte sehen, wie ein Teil ihrer Wut, Empörung und Frustration dahinschmolz.
Sie schüttelte den Kopf. „Such dir jemanden, der zu dir passt. Es gibt so viele Mädchen, die sich ein Bein ausreißen würden, nur um diese Worte zu hören.“
„Nein. Ich habe seit Jahren jemanden, der zu mir passt – und das bist du. Am Ende dieses Sommers wirst du den Bund mit mir eingehen. Ich weiß genau, dass du mich ebenfalls liebst. Ich habe deine Blicke gesehen, auch wenn du versucht hast, sie zu verstecken. Beim Sport, beim Magietraining, im Unterricht. Du und ich – wir hatten schon immer ein Band. Du bist ein Teil von mir und ich bin ein Teil von dir – auch dann, wenn du versuchst, mich auszuschließen.“
Sanft strich er ihr eine Strähne aus dem Gesicht.
„Du gehörst zu mir. Egal, was die anderen sagen. Und wenn es nötig ist, werde ich jeden im Dorf daran erinnern, wer ich bin und was ich kann, um dich und uns zu schützen. Niemand wird uns trennen oder dich klein machen. Du bist so viel mehr als ‚Die Gezeichnete‘. Du bist stärker als sie alle – du musst es ihnen nur zeigen.“
Ryan küsste Leyla sanft auf die Wange.
„Ich … ich weiß nicht, Ryan. Das … ist keine gute Idee.“
Erneut grinste er sie frech an.
„Seit wann bist du feige? Ich weiß es. Es ist die beste Idee, die ich seit 10 Jahren hatte. Ich höre endlich auf mein Herz und mache das, was ich tun will. Ich verbringe Zeit mit meiner besten Freundin. Das ist doch nicht verboten.“
Er zwinkerte ihr zu und zum ersten Mal seit Jahren sah er Leyla wieder lächeln. Sein Herz machte einen Satz.
„Ich gebe dir drei Tage. Danach werde ich aller Welt sagen, dass du und ich ein Paar sind.“ Er sah sie streng an. „Und denk gar nicht erst daran, wegzulaufen. Ich bin kein kleiner Junge mehr. Ich werde dich finden – egal, wo du bist.“
Er umarmte sie noch einmal sanft. „Ich werde nicht noch einmal zulassen, dass du gehst. Ich werde dich nicht noch einmal verlieren. Verstehst du mich?“
Tränen liefen über ihre Wangen, doch sie nickte. „Okay.“


