Warum Hilfe manchmal keine Hilfe ist
Ich glaube, wir alle kennen solche Situationen. Ich will hier nur eine ganz konkrete Situation beschreiben – obwohl es viele Varianten davon gibt, auf die ich später noch eingehen werde.
Wir tun etwas, was wir bisher noch nie gemacht haben oder wo wir vielleicht Hilfe brauchen. Jemand kommt dazu und bietet Hilfe an. Vielleicht mit einer Anleitung oder auch in Form von tatkräftiger Hilfe.
Alles läuft gut – und dann kippt es. Ein Rat oder eine Hilfe wird abgelehnt, und plötzlich verändert sich die Stimmung.
Der andere reagiert nicht einfach mit „okay“, sondern wirkt spürbar verstimmt. Vielleicht geht die Person sogar beleidigt davon oder verletzt mit Worten.
Und dann stehen wir da und fragen uns:
Was ist da eigentlich gerade passiert?
Die andere Person wollte eben nicht „nur helfen“. Denn Hilfe ist ablehnbar. Hilfe ist ein Geschenk. Etwas, das ohne Bedingungen gegeben wird. In dem Moment, indem wir „Nein“ sagen, wird plötzlich sichtbar, dass hinter der Hilfe vielleicht doch mehr steckt.
An dieser Stelle möchte ich kurz das Konsensrad erwähnen. Hierzu findet ihr immens viel, wenn ihr danach sucht. Ich will hier nicht zu sehr ins Detail gehen, daher reiße ich das Konzept nur sehr kurz an. Im Konsensrad gibt es 4 Positionen – Dienen, Nehmen, Erlauben und Annehmen. Wo würde sich jetzt Hilfe am besten einfügen? Eigentlich in Dienen – sofern die Motivation wirklich integer ist.
Wenn ich wirklich helfen will, dann tue ich es, damit dir geholfen ist – und nicht aus einem anderen Grund. Ich gebe dir etwas ohne Hintergedanken. Und dann würde ein „Nein“ im Normalfall keine andere Reaktion nach sich ziehen als ein einfaches „okay“.
Also wo befinden wir uns hier im Konsensrad? Bei Nehmen. Warum? Weil ich etwas von dir bekommen will. Nicht unbedingt bösartig oder bewusst. Viele merken gar nicht, dass sie nicht wirklich helfen wollen.
Manchmal helfen Menschen nicht nur, damit du Unterstützung bekommst – sondern auch, weil es ihnen selbst ein gutes Gefühl gibt. Wenn du dann „Nein“ sagst, nimmst du ihnen damit etwas weg. Auch das geschieht meist unbewusst. Denn vorher wurde ja gesagt, dass Hilfe angeboten wird – und du bist davon ausgegangen, dass sie freiwillig und ohne Gegenleistung geschieht.
Das Konsensrad als Gamechanger in Beziehungen
Für mich ist das Konsensrad als Konzept ein echter Gamechanger gewesen. Wenn man sich immer wieder ansieht, wo man selbst gerade eigentlich in einer Beziehung steht und wo der andere gerade steht oder stehen sollte, lassen sich viele Beziehungsdynamiken plötzlich sehr schnell durchschauen.
In meiner Ausbildung habe ich noch eine überarbeitete Version des Konsensrads kennengelernt, welche das Ganze noch einmal mit dem Dramadreieck und der Tantralehre verbindet. Es war – für mich als kleinen Nerd – unheimlich erhellend.
Ich werde in Zukunft auch in Coachings damit arbeiten, um meinen Klient:innen besser helfen zu können. Hier will ich euch aber nicht mit Theorie überfrachten, daher bleibt es bei diesem kurzen Exkurs.
Wenn ihr aber mehr dazu hören wollt, fragt gerne nach =)
Ich will doch nur helfen
Zurück zum eigentlichen Thema. Ich glaube, wir alle haben diesen Satz schon einmal gehört: „Ich will doch nur helfen.“
Eigentlich ist dieser Satz aber keine Entschuldigung, sondern eine Rechtfertigung. Denn wenn ich helfen will und der andere sagt „Nein“ – und ich akzeptiere dieses „Nein“ – muss ich nicht erklären, dass ich nur helfen will.
Anders liegt es jedoch, wenn ich das „Nein“ nicht akzeptieren kann oder will. Dann fange ich an zu verhandeln und mich zu rechtfertigen. Aber nicht, weil ich „recht habe“, sondern weil ich die Grenze nicht akzeptiere.
Das klingt sehr hart und deswegen will ich es hier noch einmal sagen: Viele Menschen machen das weder bewusst noch aus böser Absicht.
Doch das ist keine Entschuldigung für Grenzüberschreitungen. Was man nicht weiß, kann man lernen. Ich glaube, wir alle dürfen Schritt für Schritt lernen, unsere Beziehungen besser zu führen.
Denn Beziehungen sind nicht einfach nur da – sie brauchen Liebe und Aufmerksamkeit. Sie brauchen, dass wir unsere Verhaltensweisen reflektieren und daran arbeiten, so heilsam und integer wie möglich zu sein.
Andere Varianten von „ich will doch nur helfen“
Ich will den Rahmen des Beitrags nicht sprengen, daher werde ich nicht jede Variante von getarnter Hilfe aufführen. Abgesehen davon, habe ich vermutlich auch einige schlichtweg nicht im Kopf. Aber ich möchte dabei helfen, Hilfe wieder klarer zu sehen. Nämlich als Angebot.
Wenn ihr nach dem Lesen des Artikels denkt: „Boah, was für ein Schwachsinn“ und mir schreibt: „Sehe ich anders“ – ist das vollkommen okay. Denn das hier ist ein Angebot und ihr dürft „Nein“ sagen.
Ich werde nicht beleidigt sein, nicht getroffen reagieren, euch kein schlechtes Gewissen machen oder euch überzeugen. Wozu? Das hier ist keine Aufforderung.
Damit sind wir nämlich schon beim zweiten Fall, indem Hilfe nicht wirklich Hilfe ist – bei einer versteckten Aufforderung. Ich persönlich ordne das gerne in die Kategorie „Machtspiel“ ein. Auch hier gilt: Nicht immer bewusst oder böse gemeint, aber trotzdem nicht angenehm.
Wenn jemand das Gefühl hat ein bisschen klüger zu sein, bewanderter auf dem Gebiet oder einfach „im Recht“, schleicht sich manchmal eine Dynamik ein, die sich als Hilfe tarnt, aber eigentlich eine Aufforderung ist.
Dann wird gesagt: „Du solltest es so machen“ – und gemeint ist: „Ich sage das, also mach das so.“ Das ist sehr subtil, wirkt sich aber oft so aus, dass die andere Person die Grenze nicht akzeptieren kann oder will.
Und hier kommt wieder Bewusstsein ins Spiel. Wenn ich weiß, dass ich möchte, dass der andere meiner Aufforderung folgt, sollte ich das nicht als Hilfe tarnen. Dann wäre es ehrlicherk klare Bedingungen zu formulieren und zu sagen: „Hey, wenn du meine Hilfe willst, dann möchte ich, dass du das so machst, wie ich es dir vorschlage.“
Es gibt noch eine weitere Art von Hilfe, die eigentlich keine ist. Auch sie fällt wieder in den Bereich „Nehmen“, hat aber eine andere Qualität. Gemeint ist die Hilfe, die leicht übergriffig werden kann.
Menschen, die helfen, um sich dir näher zu fühlen, reagieren oft gekränkt, wenn man die Hilfe ablehnt. Für sie fühlt sich ein „Nein“ schnell wie eine Ablehnung ihrer Person an.
Auch wenn die Motivation hier eine andere ist, ist es trotzdem vollkommen okay, diese Hilfe abzulehnen. Niemand ist für die Gefühle der anderen Person zuständig. Natürlich sollen wir niemanden absichtlich verletzen – aber wir müssen uns nicht verbiegen, um zu gefallen.
Warum wir Hilfe oft trotzdem nicht ablehnen
Nach all den Infos stellt sich noch eine andere Frage. Warum fühlen wir uns eigentlich so schlecht, wenn wir Hilfe ablehnen?
Dafür gibt es mehrere mögliche Gründe. Zum einen das sogenannte People Pleasing – der Wunsch, es allen recht zu machen und niemanden vor den Kopf zu stoßen. Zum anderen spielt oft auch unsere Prägung aus der Kindheit eine Rolle.
Wie oft wurde damals ein „Nein“ wirklich akzeptiert? Und mit Akzeptanz meine ich nicht, dass Gegenwind kam, um uns umzustimmen.
Ich meine ein ehctes „Okay“. Ohne Zusatz. Ohne den Unterton von „dann eben nicht“. Ud ohne diesen Blick, der eigentlich sagt: „Das finde ich gerade echt mies“. Wirkliche, wahrhaftige Akzeptanz einer Grenze.
Ich glaube, wir dürfen wieder lernen „Nein“ zu sagen, ohne dass wir uns dabei schlecht fühlen.
Ein „Nein“ macht vorherige Hilfe nicht wertlos. Es zerstört keine Beziehungen und bedeutet auch nicht automatisch, dass schlechte Gefühle entstehen.
Es ist eine Grenze. Und Grenzen dürfen – und müssen – wir haben. Nicht nur, wenn man sie uns „erlaubt“. Sondern immer.
Wenn ich Hilfe ablehne, dann nicht gegen den anderen, sondern für mich. Denn ich treffe die Entscheidungen in meinem Leben.
Ich schreibe diesen Artikel nicht, damit wir anfangen, andere zu analysieren und zu sagen: „Guck, du bist so und so.“
Ich schreibe ihn als Erinnerung für uns selbst. Dass wir nicht falsch sind. Dass wir uns in uns selbst stabilisieren können. Und dass wir Grenzen setzen – und auch die Grenzen anderer akzeptieren können.
Denn am Ende geht es nicht darum, ob andere etwas falsch machen. Es geht darum, wie wir eine Situation verstehen – und wie wir daraufhin handeln.
Fazit
Ich versuche es einmal kurz zusammenzufassen, denn der Artikel ist viel länger geworden als erwartet.
Hilfe ist optional. Ich darf sie ablehnen. Hilfe abzulehnen ist nicht undankbar. Sie macht vorherige Hilfe nicht nichtig und es macht uns nicht zu schlechten Menschen.
Wichtig ist, nicht darin stecken zu bleiben, den anderen zu analysieren. Es geht nicht darum herauszufinden, wer hier „recht“ hat oder wer etwas falsch gemacht hat.
Viel wichtiger ist, dass wir lernen, uns in uns selbst zu stabilisieren. Dass wir unsere Grenzen kennen und sie nicht ständig verhandeln müssen.
Denn ein „Nein“ zu Hilfe ist kein Angriff auf den anderen. Es ist einfach eine Entscheidung für uns selbst.
Wenn wir Hilfe ablehnen, sagen wir nicht „Nein“ zum anderen, sondern „Ja“ zu uns selbst.
Beziehungen wachsen nicht daran, dass wir Grenzen ignorieren – sondern daran, dass wir lernen, sie zu respektieren.


