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Coaching & Beziehungen

Klarheit ist keine Härte – über Grenzen, Wut und die Angst vor dem Nachgeben

Vor Kurzem hat sich bei mir eine Situation ergeben, die mich noch einmal überlegen hat lassen, ob man meine Grenzen als Härte wahrnehmen könnte und ob ich dagegen etwas tun kann oder ob das einfach „dazu gehört“.

Wenn ich mir ansehe wie Grenzen aus Klarheit aufgebaut sind, so glaube ich, dass man sie von außen tatsächlich als „hart“ empfinden kann. Ein „Nein, ich werde heute nicht vorbei kommen“, kann sehr hart wirken – auch wenn es nicht so gemeint ist. Und nein – ein „Sorry“ davor zu setzen, mildert die Grenze nicht ab – auch wenn ich den Impuls verstehen kann.

Darum habe ich mich gefragt – was unterscheidet eine klare Grenze eigentlich von einer harten Grenze? Wenn beides von außen genau gleich aussehen kann – wo ist denn dann der Unterschied?

Ich glaube es geht weniger um das, was ich sage, sondern darum was in mir vorgeht, während ich es sage – und darum wie beweglich ich innerhalb meiner Grenze wirklich bin. Aber lasst uns die einzelnen Aspekte einmal gemeinsam näher betrachten.

Warum ich Grenzen aus Härte nicht verteufle

Man könnte jetzt sagen „Das Ziel ist es, Grenzen immer nur aus Klarheit zu setzen.“ An sich – ja. Aber, ich glaube harte Grenzen haben einen Sinn.

Wie viele von uns durften als Kind „Nein“ sagen? Und bei wie vielen hat sich das Umfeld ans „Nein“ gehalten? Ich meine wirklich daran gehalten – nicht überreden, nicht erweichen, nicht betteln oder sonst was – einfach akzeptieren, dass man „Nein“ gesagt hat und dann nicht trotzdem handeln?

Als mein Nein noch Wut brauchte

Ich kenne das ein wenig von mir. Früher habe ich oft „Ja“ gesagt, obwohl ich nicht wollte – aber man macht das halt so. Man hilft, man ist da, man übergeht sich .. und irgendwann kommt es ja auch wieder zurück, richtig? Nur .. je weniger zurück kam, desto mehr Wut hat sich aufgestaut. Ich war frustriert und wütend und habe trotzdem immer noch „Ja“ gesagt und „Nein“ gemeint.

Und irgendwann kam der Tag, an dem ich einfach aus Trotz „Nein“ gesagt habe. Und das hat sich gut angefühlt. Nicht unbedingt, weil die Art und Weise, wie ich meine Grenze gesetzt habe, besonders reflektiert war – sondern weil ich plötzlich etwas erlebt habe, das ich lange nicht kannte: Selbstbestimmung. Wenn man sich lange übergeht, kann diese Selbstbestimmung plötzlich zu genau dem werden, was man immer wieder erleben will. Plötzlich ist da das Gefühl, dass man es selbst in der Hand hat. Und das kann schon sehr erhebend sein – die ersten paar Male. Bis eventuell die Schuldgefühle kommen. Dann fällt man manchmal tief.

Aber um den Fall danach soll es heute gar nicht gehen – sondern um die Grenze. Ich glaube nämlich, dass Wut und Trotz uns manchmal überhaupt erst die Energie geben, etwas zu verändern, was wir sonst vielleicht nicht verändern würden. Es ist vielleicht nicht genau die Art, wie wir gerne sein wollen, aber ich verstehe sie.

Und ich lehne mich einmal weit aus dem Fenster – wenn wir uns bewusst auch mal für eine Grenze aus Trotz entscheiden, dann ist das kein Weltuntergang. Ich kann sagen „Ja, wenn du dich so verhältst, mache ich eben X“ und gleichzeitig wissen – das ist eine Trotzreaktion und morgen sieht die Welt vermutlich schon ganz anders aus. Warum soll ich mich dafür selbst fertig machen?

Bewusstsein heißt nicht, die andere Wange hinzuhalten

Bewusstsein bedeutet für mich nicht, dass ich immer perfekt handle oder mich maximal reflektiert verhalten muss. Ich darf auch mal Fehler machen. Ich darf wütend sein. Und ja – ich darf auch mal trotzig sein.

Der Unterschied ist – wenn ich weiß, dass ich gerade trotzig handle, muss ich mein Verhalten später nicht krampfhaft verteidigen. Ich kann sagen „Ja, das war trotzig. Ich habe es in dem Moment so gefühlt und mich trotzdem dafür entschieden.“ Vielleicht würde ich es morgen anders machen. Vielleicht auch nicht – beides ist okay. Wir sind alle Menschen.

Bewusstsein bedeutet für mich nicht, dass jedes meiner Verhaltensmuster plötzlich verschwindet – aber ich kann erkennen und verantworten, warum ich etwas tue. Und ich kann später noch einmal darauf schauen, ohne zwingend beweisen zu müssen, dass mein Verhalten richtig war.

Wenn ich nicht „Nein“ sagen kann …. wie frei ist dann mein „Ja“?

Ich glaube, Grenzen aus Härte, können uns dabei helfen, die Grenze auch dann zu halten, wenn wir es gar nicht gewohnt sind, Grenzen zu setzen. Manchmal ist da einfach so viel Angst oder Unsicherheit. Wir sind es nicht gewohnt, dass es sicher ist, „Nein“ zu sagen.

Bei mir habe ich hier auf jeden Fall eine Art „Steigerung“ gemerkt. Von „Ja, natürlich helfe ich dir!“ zu „Nein, ganz sicher nicht!“ zu „Warte, lass mich mal schauen ob ich kann.“ Ich sage nicht mehr aus Prinzip „Ja“, aber auch nicht mehr aus Prinzip „Nein“. Ich gehe bewusster in mich, nehme mir die Zeit, die ich brauche und antworte dann. Und manchmal lautet die Antwort auch „Ich weiß es nicht. Wenn du jetzt sofort eine Antwort brauchst, ist es ein Nein.“

Die mögliche Motivation hinter Härte

Hier will ich etwas vorschieben: dieser Abschnitt ist eine These – kein Fakt. Ich glaube, dass hinter Härte oft Angst steckt.

Die Angst davor, doch wieder nachzugeben. Die Angst, mehr von sich zu geben, als man eigentlich will. Oder auch die Angst, dass ein „Ja“ im Jetzt, ein zukünftiges „Nein“ erschwert oder sogar verhindert. Vielleicht ist da auch die Angst, dass man seinem eigenen zukünftigen Ich nicht zutraut, „Nein“ zu sagen. Denn wenn ich heute eine Ausnahme mache – schaffe ich es morgen trotzdem meine Grenze zu ziehen?

Gerade im Bereich Erziehung kann man diese Gründe oft sehr gut beobachten. Wie oft hört man als Begründung für eine Regel oder Grenze „Weil das später auch nicht geht!“, „Wenn ich es jetzt durchgehen lasse, wird es immer so sein.“ oder die wahrscheinlich bekannteste Angst „Wenn ich mein Kind jetzt auf meiner Nase herumtanzen lasse, wird es später zum Tyrannen!“ Und hier ist mir sehr wichtig zu sagen – ich distanziere mich von all diesen Ängsten. Ich glaube nicht an die Theorie des Tyrannenkindes.

Wenn Härte Sicherheit gibt

Spannend finde ich jedoch, was all diese Sätze gemeinsam haben – sie geben vermeintliche Sicherheit. Wenn ich mir selbst nicht ganz vertraue, kann es sich sicherer anfühlen, direkt „Nein“ zu sagen und daraus eine absolute Regel zu machen. Wenn ich jetzt Nein sage und in der Zukunft etwas Schlimmes verhindere, dann habe ich alles getan, was in meiner Macht stand. Ich habe in gewisser Weise die Kontrolle über das Jetzt und die Zukunft.

Und ich muss weniger nachdenken. Denn wenn etwas immer so ist, lautet die Antwort auch immer Nein. Ich muss nicht diskutieren oder erklären. Ich muss nicht neu abwägen oder mich hinterfragen. Der Ordner im Kopf ist zu. In diesem Sinne kann Härte sogar eine Form des Energiesparens sein – und das meine ich absolut nicht wertend.

Man könnte hier jetzt ein riesiges Thema darüber aufmachen, ob diese vermeintliche Sicherheit wirklich sicher ist oder wie wir mit Kindern umgehen wollen. Aber das würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen.

Für mich beginnt der Unterschied zwischen Klarheit und Härte da, wo ich anfange „Nein“ zu sagen. Wo ich verstehe, dass ich heute eine Ausnahme machen kann und morgen trotzdem Nein sagen darf. Dort, wo ich mein Gegenüber verstehen kann, ohne nachzugeben. Wo ich mich nicht mehr heute Grenzen setzen muss, um eine mögliche Zukunft zu verhindern.

Klarheit statt Härte

Eine Grenze aus Klarheit ist für mich „beweglich“. Nicht die Grenze an sich. Mein Nein muss nicht zu einem Vielleicht werden, nur weil wir darüber sprechen. Aber ich kann innerhalb meiner Grenze beweglich bleiben. Ich kann auf mein Gegenüber eingehen und zuhören. Ich kann verstehen, warum die andere Person etwas anders wahrnimmt als ich und erklären, warum mir etwas wichtig ist. Und ich kann schauen, ob innerhalb meiner Grenze Gestaltungsspielraum existiert.

Eine Grenze aus Härte ist dagegen oft starr. Was meine ich ganz konkret damit? Oft entstehen solche Grenzen, nachdem wir uns zu lange übergangen haben und plötzlich das Gefühl haben, unsere Grenze vehement verteidigen zu „müssen“. Dann gibt es keine Option auf Nachfrage, keine Erklärung und kein gemeinsames Hinschauen mehr, sondern eher ein „So ist es und fertig!“

Ich glaube, dass es dienlich sein kann, hier auch einmal in die emotionale Perspektive hinein zu fühlen. Sage ich „Nein“, weil ich innerlich ruhig und klar bin? Oder ist da Wut, Trotz oder ein „jetzt erst recht“? Wichtig ist auch – Wut macht eine Grenze nicht automatisch hart. Ich kann wütend und gleichzeitig vollkommen klar sein. Die spannendere Frage ist: Brauche ich meine Wut gerade, damit ich meine Grenze überhaupt äußern oder halten kann? Reagiere ich nur auf etwas im Außen oder kann ich trotz meiner Emotionen noch bewusst entscheiden, wie ich handeln möchte?

Ein weiterer Unterschied liegt für mich im Verständnis, beziehungsweise im verstehen wollen. Bin ich klar, kann ich verstehen, warum mein Gegenüber so handelt und trotzdem bei meiner Grenze bleiben. Reagiere ich aus Härte, will ich vielleicht gar nicht mehr erklären, verstehen oder hinterfragen. Gerade wenn man zum People Pleasing tendiert, kann Verständnis die eigene Grenze wieder zum Wackeln bringen. Denn wenn ich sehe, was ich mein Nein bei dir auslöst, könnte ich anfangen, mich wieder selbst zu übergehen. Vielleicht ist der erste Schritt zu Klarheit manchmal Härte, um mein Nein überhaupt halten zu können. Klarheit entsteht für mich dort, wo ich dich irgendwann wieder sehen kann, ohne mich dabei selbst zu verlassen.

Wie kann das konkret aussehen?

Stell dir vor, du bist mit jemandem befreundet. Deine Freundin ruft dich zu jeder Tages- und Nachtzeit an, redet viel über ihre Probleme und du bist immer da. Gleichzeitig hast du das Gefühl, dass es nicht ausgeglichen ist. Vielleicht brauchst du weniger Zeit als deine Freundin. Aber wenn du etwas brauchst, wirst du vertröstet oder unterbrochen. Irgendwie ist es immer wieder so, dass du untergehst.

Und bei einem Gespräch sagst du: „Hey, ich habe das Gefühl, dass ich mit meinen Problemen nicht zu dir kommen kann. Ich bin gerne für dich da und gleichzeitig brauche ich, dass ich meine Themen fertig besprechen kann, bevor wir uns wieder deinen Problemen zuwenden. Wenn das nicht möglich ist, dann X.“

Der erste Teil ist nett formuliert. Beim zweiten bekommst du vielleicht schon Bauchschmerzen, weil du konkret einen Wunsch äußerst. Und der dritte Teil klingt für dich vielleicht sogar nach einer Drohung. Dabei ist X ganz individuell und muss nichts „Krasses“ sein. Vielleicht hast du dann weniger Zeit für deine Freundin. Eventuell möchtest du Gespräche beenden, wenn du merkst, dass deine Grenze wieder überschritten wird. Vielleicht ist es für dich aber tatsächlich so, dass du diese Freundschaft irgendwann beenden willst.

Nicht deine Formulierung macht deine Grenze hart – und auch nicht die Tatsache, dass dein Gegenüber sie vielleicht als hart empfindet. Spannender ist, aus welcher Motivation heraus, du sie aussprichst. Zum Beispiel:

  • Hast du für dich herausgefunden, was du willst und was nicht?
  • Weißt du, was sich verändern müsste?
  • Weißt du, was du tun möchtest, wenn die Veränderung nicht eintritt?

Und vielleicht gibt es innerhalb deiner Grenze Gestaltungsspielraum. Vielleicht sagst du „Hey, lass uns dann nur noch maximal eine halbe Stunde reden.“ Und deine Freundin sagt „Ne, ich hätte lieber ein langes Gespräch, dafür nur einmal die Woche.“ Vielleicht funktioniert das für euch beide – vielleicht auch nicht.

Klarheit braucht nicht immer eine sofortige Antwort

Und dann gibt es noch etwas, das ich erst lernen durfte. Klarheit bedeutet nicht, dass ich immer sofort wissen muss, was ich will. Manchmal weiß ich nur, dass ich etwas so nicht mehr will. Das darf für den Moment reichen. Ich muss nicht sofort wissen, was ich stattdessen will. Vielleicht brauche ich Zeit, um es herauszufinden. Oder ich muss eine Situation erst einmal erleben, bevor ich eine Entscheidung treffen kann. Vielleicht entscheide ich auch spontan im Moment. Vielleicht ist die Abmachung dann „Hey, ich merke, so passt es für mich nicht. Ich höre dir gerne zu, aber ich würde dann immer im Moment schauen, wie es mir geht und ob ich gerade Kapazitäten dafür habe.“ Auch das ist Klarheit.

Vielleicht ziehen wir manchmal gerade deshalb Grenzen aus Härte, weil wir das Gefühl haben, sofort reagieren und eine endgültige Entscheidung treffen zu müssen. Doch manchmal ist „ich weiß es noch nicht“, die ehrlichste Antwort, die wir gerade geben können.

Was ich mit Klarheit nicht meine

Was ich definitiv nicht meine ist der „urbane Mythos“, dass ich innerhalb meiner Klarheit einen Kompromiss finden muss. Es heißt nicht umsonst „Grenze“. Nettigkeit bedeutet nicht Grenzenlosigkeit. Verständnis bedeutet nicht, dass ich jederzeit nachgeben muss. Empathie bedeutet nicht, dass meine Gefühle weniger wichtig sind. Ein klares Nein ist nicht automatisch Härte. Manchmal passt es einfach nicht – und das ist okay. Eine Beziehung, in der du dich dauerhaft verbiegen musst, damit sie funktioniert, ist vielleicht einfach nicht die richtige Beziehung.

Ich mag dafür das Bild mit der Blume. Stell dir vor, du kaufst eine Blume. Sie hat bestimmte Bedingungen, unter denen sie gut wachsen kann. Sie braucht Pflege, Sonne, Wasser und Nährstoffe. Wenn diese Blume nun langsam eingeht – liegt es an der Blume oder an den Umständen? So kann es uns auch in Beziehungen gehen. Wenn du eine Blume bist, die viel Sonne braucht, wirst du unter einem großen Baum im Schatten vermutlich nicht glücklich.

Das macht weder die Blume noch den Baum falsch.

Es bedeutet erst einmal nur, dass es in dieser Kombination nicht passt. Vielleicht kann man die Blume ein wenig weiter weg in die Sonne stellen und die Beziehung funktioniert auf diese Weise. Oder es passt eben trotzdem nicht.

Und das ist für mich der größte Unterschied zwischen Klarheit und Härte.

Ich muss weder mich noch den anderen falsch machen, damit meine Grenze bestehen darf.

Ich kann verstehen, dass du dir etwas anderes wünschst und ich kann sehen, dass dich mein Nein enttäuscht. Ich kann dir zuhören, wenn du mir erzählst, wie meine Grenze bei dir ankommt und was meine Entscheidung bei dir auslöst. Und ich muss nicht unbedingt wissen, wie es danach weiter geht. All das darf da sein – gleichzeitig. Und mein Nein darf deswegen trotzdem ein Nein bleiben. Ich muss meine Grenze nicht hart werden lassen, damit sie hält.

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