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Warum ich Empathie und Regulation in der Erziehung fokussiere

Heute war ein Tag, auf den sich unser Kind sehr gefreut hat. Schon seit 2 Jahren fragt er immer wieder „wann darf ich auch in die Schule gehen?“ und heute war endlich der „große Tag“ der Schuleignungsprüfung. Er war super aufgeregt, hat sich aber auch wirklich spürbar gefreut und dann kamen die Prüfungen. Dieser Tag hat mir gezeigt, warum ich in meiner Erziehung Empathie, Regulation und Beziehung fokussiere.

Das ist kein Rant

Gleich vorneweg – das ist kein Rant. Es geht nicht um Verurteilung. Ich will sichtbar machen. Was passiert, wenn Systeme nur noch Akten sehen und keine Menschen. Warum es in jeder Position wichtig ist, verantwortungsbewusst, integer und empathisch zu sein. Und ich will klar machen, warum ich – trotz Gegenwind – immer weiter meinen Weg der Erziehung verfolge. Einen Weg, der bei Empathie und Regulation beginnt – nicht Funktion. Ich weiß, dass ich damit bei vielen anecke und das ist okay. Es heißt nicht, dass mein Weg „richtiger“ ist. Für mich persönlich ist er das, aber das wertet deinen Weg nicht ab. Es macht dich und deine Erziehung nicht falsch. Wir alle machen Fehler, wir alle geben unser Bestes und wir alle wollen unsere Kinder unterstützen. In diesem Text geht es nicht um Schule oder Prüfungen – es geht um Menschlichkeit und Empathie in Systemen.

Der Unterschied zwischen Empathie und Funktion

Der Termin war heute um 9 Uhr. Wir waren überpünktlich da – um 8:50. Auch wenn Ämter gerne lange brauchen, dulden sie es meiner Erfahrung nach nicht, wenn man zu spät kommt. Zu Beginn haben wir direkt alles abgegeben und gesehen, wie 4 Eltern mit Kind aufgerufen wurden. Wir haben uns zwischenzeitlich mit Ausmalen und ein paar Minuten Tablet beschäftigt, bis wir das erste Mal aufgerufen wurden. Also alles zusammengepackt und ab ins Zimmer. Alles war super – die Dame war empathisch, freundlich, hat gelächelt und war wirklich kinderfreundlich. Alles was passiert ist, wurde begleitet und angekündigt – sowohl Beginn als auch Ende. Es gab Erklärungen und da war das Gefühl von „das Kind ist in Ordnung“. Danach ging es wieder in den Warteraum – es war mittlerweile 9:40. Wir hatten zuvor ca. 20 Minuten gewartet – ich war ehrlich gesagt positiv überrascht, denn meistens dauern solche Prozeduren gerne mal länger.

Regulation ist keine Einmischung

Und dann kam der zweite Aufruf. Recht schnell nach dem ersten, das war schon einmal positiv. Ich wurde dann jedoch in eine etwas entfernte Ecke gesetzt und mein Kind saß alleine, vor einer fremden Frau und wurde geprüft. Es gab kein Lächeln, keine Wärme, keine Überleitungen. Es wurde gefordert und als er nervös wurde und ich meinte „Langsam Schatz, atme“, wurde ich zurechtgewiesen, ich solle mich nicht einmischen, sie mache das schon. Das war der Moment, in dem ich tief durchatmen musste. Wäre die Prüfung nicht essentiell gewesen – ich wäre gegangen. Es ging hier nicht um Einflüsterung von Antworten – das hätte ich verstanden. Es ging um Regulation. Darum, meinem Kind zu signalisieren „Ich bin da, alles ist gut. Ich sehe dich und stehe hinter dir.“ Das ist in so einer Situation für mich nicht tragfähig. Das sind Kinder, keine Erwachsenen und die brauchen Sicherheit, nicht Nervosität.

Einer der nächsten Punkte war dann, dass mein Kind richtig nervös wurde und eigentlich weg wollte. Man merkte, er findet das super unangenehm und will es schnell beenden. Es wurde jedoch weiter stark auf Antworten gedrängt, er wurde auf Fehler hingewiesen, jeder Fehler wurde sichtbar vor ihm notiert und sie meinte dann „Du hast keine Lust mehr richtig zu schauen. Dadurch machst du Fehler, mach weiter.“ Das impliziert, dass die Frau weiß, warum mein Kind so handelt und das ist schwierig. Denn die Interpretation von Motiven ist nicht neutral. Das kann Kinder beschämen und ist in der Arbeit mit Kindern fehl am Platz. Kinder sollten gestärkt und geschützt werden.

Exklusion beginnt im Kleinen

Ich muss sagen, dass ich auch die Aufgaben ziemlich schwierig fand. „Was davon ist falsch/anders? Was gehört nicht dazu?“ Für mich sind diese Fragen ein Sinnbild dafür, wie früh wir beginnen, in Kategorien von „richtig“ und „falsch“ zu denken. Wenn wir uns immer nur fragen, was richtig ist und dazu gehört und kategorisch unseren Kindern beibringen, dass Dinge, die anders sind auch „falsch“ sind, fördert das nur Exklusion. Ja, es geht hier „nur“ um Dinge – aber eben auch wieder nicht. Es beginnt hier, die Logik, dass alles falsch ist, was anders ist, beginnt genau bei solchen Aufgabenstellungen. Und ich sehe es in der Schule, da wo Kinder, die anders sind, ausgelacht werden oder ausgegrenzt. Weil sie zu langsam sind, zu laut, zu tollpatschig oder sonst wie nicht der „Norm“ entsprechen. Im Erwachsenenalter begegnet uns diese Logik dann in vielen Formen wieder – von Ausgrenzung bis hin zu Diskriminierung.

Am Ende kam dann das für mich Schlimmste – die Auswertung. Statt den Zettel auszufüllen und dann auf alles zu zeigen und Tipps zur Förderung zu geben, wurden alle Punkte laut vor dem Kind aufgezählt – mehrmals. Wo vorher Freude war, war mein Kind am Ende einfach nur klein. Er hat sich nicht mehr getraut etwas zu sagen, hat nur mehr gedeutet oder geflüstert und ist während der Besprechung aufgestanden und zur Tür gelaufen. Er wollte nur mehr weg und ich konnte es wirklich verstehen. Es war, als wäre da kein Gefühl dafür, was all diese Aussagen mit einem Kind machen. Gegen Ende hin, wurden noch positive Aspekte genannt, als ich darauf hinwies, dass er eben nervös war und ja eigentlich gerne in die Schule gehen wollte. Aber das hat das Ruder auch nicht mehr herumgerissen.

Bewertung ohne Kontext

In der Bewertung des Kindes kam dann auch – damit hatte ich gerechnet – die Empfehlung die Medienzeit auf 0 Minuten pro Tag zu reduzieren. Weil Medienzeit (egal wie verbracht) löscht quasi die Konzentration. Ich gehe auf den Punkt jetzt nicht näher ein, denn ich sehe das sehr viel differenzierter als „Medien sind per se böse und machen dumm.“ Auch eine von mehreren Kinderärzten bestätigte und widergegebene Diagnose wurde als „unsinnig“ betitelt, weil das Kind in der Prüfungszeit nicht die „richtigen“ Anzeichen gezeigt hätte – was meiner Meinung nach, so nicht pauschal gesagt werden kann.

Prüfung als Momentaufnahme

Per se finde ich das ganze Konzept schwierig. Fremde Personen, in einer fremden Umgebung sehen das Kind für vielleicht 40 Minuten insgesamt und sagen dann „ja so ist das Kind“. Dabei wird die Tagesform komplett außer Acht gelassen. Vielleicht ist es müde, krank, nervös, überfordert, schüchtern, etc. und trotzdem bekommt das Kind einen Stempel und muss funktionieren. Wo bleibt der Mensch und die Empathie? Wo bleibt Platz für Individualität? Wie sollen Kinder später starke, selbstbewusste und tragfähige Mitglieder der Gesellschaft werden und Schule als sicheren Ort zum Lernen erleben, wenn allein die Prüfung zur Schuleignung bereits zeigt, wie unwichtig das Kind als solches ist und es nur um Funktionalität geht? Ich sehe das Ganze sehr kritisch.

Zeit ist auch Würde

Einer der Punkte, die ich per se auch schwierig finde, ist das Ungleichgewicht im Umgang miteinander. Mir ist bewusst, dass Ämter viel Wert auf Funktionalität legen. Aber wenn ich um 9 Uhr einen Termin habe und dann oft 1 Stunde warten muss – das ist respektlos. Es zeigt, dass die Zeit der Organisation mehr wert ist als meine und das ist nicht korrekt. Ich habe 2 Kinder zu Hause zu betreuen, mein Mann musste für den Termin aufhören zu arbeiten, weil nur 1 Erwachsener und das zu testende Kind mit rein dürfen. Was mache ich in der Zeit mit dem Kleinen? Dazu kommt, dass die Termine mehrfach vergeben werden, weil ja jemand absagen könnte. Da das zwar passiert, aber nicht 2 Termine sondern eher 5 zur gleichen Zeit vergeben werden, bedeutet das zwangsweise Wartezeit. Und alle Eltern wissen, wie gut das mit Kindern klappt. Das ganze System ist einfach zu kurz gedacht.

Care-Arbeit ist auch Arbeit

Ein Satz der auch hängen geblieben ist war „Sie haben ja vormittags eh Zeit und können das dann gut einschieben.“ Ich musste mir wirklich auf die Zunge beißen und mich daran erinnern, dass mein Kind hier raus will und ich nicht diskutiere. Meine Zeiteinteilung ist meine Sache. Ob ich vormittags arbeite oder nicht, kann sie nicht wissen. Vielleicht habe ich vormittags auch Termine. Klar, zumeist bin ich zu Hause und betreue die Kinder – aber das ist auch Arbeit. Und zu sagen, ich hätte Zeit – das ist einfach übergriffig und entwertend.

Aber das für mich schwerwiegendste und der Grund für den Blogpost war der Satz „Es ist gut, dass er sozial kompetent ist, aber das ist nicht das Einzige, was zählt.“ Ich finde diese Aussage nicht nur falsch sondern gefährlich. Abgesehen davon, dass sie nicht weiß, wo unsere Prioritäten liegen, wie der Verlauf bisher war und woran wir schon gearbeitet haben. Mein Kind kann jederzeit lernen, in den Linien zu malen, zu rechnen, zu lesen, zu schreiben und wie viele Knochen eine Katze im Körper hat.

Empathie ist die Grundlage

Meiner Meinung nach sind Empathie und Regulation erst die Grundlage, auf der alles andere wachsen kann. Denn wenn mein Kind nicht gelernt hätte, sich zu regulieren, dann wäre der Termin heute definitiv anders gelaufen. Er hätte danach nicht wieder angefangen er selbst zu sein, sondern wäre entweder eskaliert oder in sich gekehrt geblieben. Empathie und Regulation sind meiner Meinung nach das, was Schulen dringend in den Lehrplan aufnehmen sollten. Nicht mehr Wissen, sondern mehr Menschlichkeit. Weniger „du kannst aber noch nicht Multiplizieren“ sondern mehr Miteinander.

Dann würde unsere Welt nämlich anders aussehen. Ich glaube fest daran, dass dann weniger Menschen mit schwerem Gepäck beladen wären und sich nicht fragen würden , warum alles funktioniert und sie trotzdem leer sind. Dann wäre der Termin heute angenehmer gewesen. Denn mit Empathie wäre klar gewesen, wie sich der andere fühlt, wenn man gewisse Dinge sagt. Und ich finde Beziehungen immer wichtiger als Funktionalität. Es braucht nicht mehr Menschen, die wissen wie sie „funktionieren“ sondern mehr Menschen die sicher sind. In sich und für andere. Die verstehen, dass Lernen auch nur in sicherem Rahmen passiert. Es geht nicht darum, was falsch läuft, sondern darum, wie man es in Zukunft besser machen kann. Nicht nur für uns, sondern für die Generationen, die noch kommen. Es geht darum, die Welt zu ändern – Schritt für Schritt.

Kinder verdienen Institutionen, die schützen

Niemand ist perfekt und ich hoffe, dass die selbe Frau an einem anderen Tag empathisch, zugewandt und freundlich ist. Ich will sie nicht verurteilen, denn ich weiß nicht, wie ihr Tag bisher war und ich bin sicher, ihre Arbeit ist hart. Ich kann nachvollziehen, dass es schwer ist, in diesem System zu arbeiten. Dass es schwer ist, sich die Empathie auch zu erhalten, entgegen den Checklisten und dem ganzen Papierkram. Ich verurteile nicht die Frau – ich hinterfrage das System. Denn wenn ein System Menschen so behandelt – dann läuft etwas gewaltig schief und muss sich ändern. Denn unsere Kinder verdienen Institutionen, die nicht nur nach Checkliste prüfen, sondern empathisch sind und sie auch schützen.

Foto: element5 digital / Unsplash

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