Herzzeit

Vergebung und ihr schlechter Ruf

Ich weiß nicht, wie oft ich in meinem Leben schon Gespräche über das Thema Vergebung geführt habe. Unzählige Male und fast genauso oft habe ich schon den Spruch „vergeben und vergessen“ gehört oder die kleine Schwester davon „ich will aber nicht so tun, als wäre nie etwas gewesen!“ Und dann stehe ich da und frage mich, woher kommt dieser Satz eigentlich? Wer hat ihn erfunden und warum? Ich kam da noch zu keinem Schluss, auch wenn ich so meine Vermutungen habe … aber es geht ja eigentlich nicht darum, sondern um Vergebung und was sie ist. Unabhängig davon, was manche denken, geht es beim vergeben nämlich nicht ums Vergessen. Es geht ums Loslassen.

Vergebung ist Loslassen

Schon wieder so ein Wort – Loslassen. Auch das ist so ein „Unwort“ gewonnen, denn es bedeutet ja auch ein Ende. Beginnen wir also hier – was ist loslassen eigentlich? Es bedeutet im tatsächlichen Sinne – ich halte nicht mehr fest. Wir lassen jeden Tag viele Dinge los. Zum Beispiel unsere Kaffeetasse, wenn sie leer ist. Die Hand unseres Partners, wenn die Position anstrengend ist oder wir uns zum Beispiel die Haare aus dem Gesicht streichen wollen. Das ist ja auch nicht mit Angst verbunden. Wir wissen – wir können beides wieder nehmen und es ist nur temporär.

Das Problem ist jedoch, dass wir glauben, das Loslassen bedeutet, etwas endgültig zu beenden. Dabei geht es nicht um ein Ende. Es geht darum, loszulassen und zu sehen was passiert. Wir können wieder festhalten, wenn es uns klug erscheint. Nehmen wir aber mal ein Beispiel – nehmen wir an die Gefühle, die wir festhalten, verletzen uns. Würden wir sie dann festhalten wollen? Rein logisch gesehen, würden wir alle sagen – Nein. Wer will sich schon selbst verletzen?

Warum wir trotzdem festhalten

Doch wenn es jetzt um Vergebung geht, tun wir genau das. Wir sind wütend, enttäuscht, traurig, verletzt – you name it – und wir halten daran fest. Und warum? Weil wir nicht vergessen wollen. Doch … wer sagt denn, dass wir das müssen? Ein Sprichwort, das von irgendjemandem erfunden und daher gesagt wurde, und uns noch immer begleitet? Ich vergesse nicht, aber ich vergebe. Wenn du mich verletzt, meine Grenzen überschreitest, mir Dinge versprichst und nicht hältst – dann kann ich das vergeben ohne zu vergessen. Denn ich weiß natürlich, dass es passiert ist. Doch ich kann die Emotion loslassen. Ich vergebe dir auch nicht, um dir Schuld zu ersparen, sondern damit ich nicht leide. Ich will mir nicht immer wieder eine verletzende Situation vor Augen führen, nur damit ich nicht vergesse, dass da mal was war. Denn ich muss mich nicht selbst verletzen. Also vergebe ich.

Und ja – das ist manchmal schwer. Denn oftmals müssen wir auch uns erst vergeben. Ich höre schon die ersten entsetzten Rufe „das stimmt nicht, ICH habe nichts gemacht!“ Ja, das stimmt auch vielleicht – je nach Situation. Aber in Wahrheit haben wir es mit uns machen lassen – und ich rede hier wie immer nicht von Erfahrungen, in denen wir uns nicht wehren konnten. Denn in manchen Situationen ist das Zulassen ein Selbstschutz. Weil die Ressourcen fehlten oder weil wir unterlegen waren – körperlich, emotional, psychisch. Doch auch dann ist Selbstvergebung der wichtigste Schritt. Mit diesem Kontext im Hinterkopf – lies das bitte noch einmal. Du hast es zugelassen. Du hast zugelassen, dass jemand so mit dir spricht. Wenn du in dem Moment gesagt hättest „Stopp! Das lasse ich mir nicht sagen/Das lasse ich nicht mit mir machen!“, dann wäre die emotionale Verletzung geringer. Weil du in diesem Moment für dich eingestanden wärst.

Vergebung ist Heilung

Und ich sage das nicht, weil ich es besser mache oder um dir ein schlechtes Gefühl zu geben. Sondern weil es Heilung bedeutet. Wenn ich erkenne, warum ich festhalte, warum ich nicht vergebe und dass ich auch mir vergebe, dann kann ich heilen. Und ja, manche Wunden sitzen tief. Manchmal ist Vergebung ein Weg voller Stolpersteine und manchmal tut es weh. Ich weiß nicht, wie oft ich weinend im Bett saß, während ich jenen Menschen vergab, die mir das Gefühl gaben, zu wenig zu sein, nichts zu können oder nichts wert zu sein. Aber es reinigt und es heilt.

Jede Träne ist Heilung. Jedes Schluchzen. Alles was abfließt ist Heilung. Und manchmal ist Vergebung auch schnell erledigt. Eine einfache Entscheidung „okay, es ist vergeben“. Manchmal brüllst du deine Wut vielleicht ins Kissen. Aber wenn du am Ende spürst, wie ein Gewicht sich von deiner Brust hebt, von dem du nicht mal mehr wusstest, dass es da ist – dann hat es sich gelohnt, diesen Weg zu gehen <3

Lasst uns alle gemeinsam den schlechten Ruf von Vergebung verbessern und das tun, was uns gut tut. Nicht, weil man das so macht oder weil ich es so sage, sondern weil wir alle es verdient haben, frei atmen zu können – ohne Altlasten, die uns zu Boden drücken und die Schönheit des Lebens verdunkeln.

Foto: Kinga Howard / Unsplash

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