Herzzeit

Integrität – was ist das eigentlich?

Ich will heute einmal kurz darüber sprechen, was Integrität für mich ist. Wir alle wollen integer sein. Wir wollen nach unseren Werten leben, sie in jeder Minute einhalten und „das Richtige“ tun – für uns und andere. Doch wenn wir genau hinsehen, sagen wir manchmal „ich bin integer.“ und meinen damit leider etwas ganz anderes. Denn Integrität hört nicht bei mir auf, sondern da beginnt sie erst.

Integrität ist nicht gleich Authentizität.

Manchmal wird Integrität gerne mit Moral, Ehrlichkeit oder Authentizität verwechselt. Eine der für mich schwierigsten Aussagen ist „Ja, aber ich fühle das doch so.“ … Natürlich sind deine Gefühle immer echt, wichtig und richtig, aber das heißt nicht, dass die Handlung damit automatisch integer oder authentisch ist. Ich will daher einmal mit ein paar Begriffen aufräumen.

Moral ist im Prinzip ein Wertesystem, das je nach Kultur, Zeit, Religion, etc. unterschiedlich ist. Es gibt die Gebote der Bibel (du sollst nicht stehlen, töten, etc.) und Werte wie „Pünktlichkeit“, die eher kulturell geprägt sind. Außerdem gibt es noch Werte aus der heutigen Zeit wie „Freiheit“ – vor nicht allzu langer Zeit, hätte hier eher Gehorsam gestanden.

Authentizität ist eher individuell gelagert. Wie bin ich, wenn ich wirklich ich bin? Lache ich laut oder leise? Bin ich eher introvertiert oder extrovertiert? Wenn ich nicht bewertet werde, keiner da ist, der mir sagt was ich tun und wie ich sein soll – wie bin ich dann? Was ist mir wichtig? Und dann ist es authentisch das zu leben.

Integrität geht für mich noch einen Schritt weiter. Denn ich bin nicht nur authentisch ich, habe mir Gedanken über Moral gemacht und weiß, wie meine Taten sich auf andere auswirken, sondern ich lebe danach und balanciere auf einem Drahtseil zwischen mir und anderen. Ich fühle in mir selbst – in jedem Moment – was für mich richtig ist und lebe konsequent danach – in Wort und Tat.

Integrität ist nicht immer bequem

Allein die Frage danach, ob ich gerade so handle, wie ich es möchte oder ob ich gerade aus Angst/Schuld/Scham/Bequemlichkeit/etc agiere, ist schon mit viel Reflektionsarbeit (und -fähigkeit) verbunden. Denn ich muss dort hinsehen, wo es vielleicht auch weh tut. Dort, wo ich mich selbst belüge, wo es dunkel ist und die nicht so schönen Emotionen liegen. Wo ich neidisch bin oder wütend. Wo ich traurig bin und mich selbst verraten habe. Dort, wo ich mir sage „ach, das ist doch noch voll okay“, obwohl ich weiß, dass es nicht stimmt. Wir alle haben diese blinden Flecken. Doch wenn ich Integrität leben will, braucht es das hinsehen. Denn wenn ich nicht hinsehe, kann ich nicht integer sein. Es geht nicht um dauerhaftes Hinterfragen von allem was ich tue oder sage. Vielmehr geht es um das Bewusstsein über den eigenen Kompass und das gezielte Wahrnehmen von dem, was ihm nicht mehr entspricht.

Doch einer der für mich wichtigsten Punkte ist, dass Integrität dort endet, wo ich anderen aktiv schade – auch dann wenn ich niemanden absichtlich verletzen wollte. Da, wo ich die Grenzen und Werte anderer verletze oder übergehe, um zu bekommen was ich möchte oder ehrlich zu mir zu sein. Denn wenn du und ich nicht kompatibel sind wertetechnisch – und das ist eine weitere Herausforderung – muss ich vielleicht die Beziehung beenden oder reduzieren. Denn wenn ich brauche, dass du mir vorher sagst, wann du kommst und du willst nur spontan entscheiden – dann haben wir ein Problem. Und die Lösung kann nicht sein, dass einer von uns seine Werte verrät oder vollkommen dysreguliert ist.

Integrität braucht Verantwortungsbewusstsein

Es kann sein, dass Freiheit bei dir ein höherer Wert ist als Sicherheit. Das ist vollkommen in Ordnung, aber dann ist es eher so, dass wir uns eher selten bis nie treffen können. Nicht weil ich dich nicht mag, oder weil dein Wert falsch ist, sondern weil ich mich verraten würde, wenn ich dir nachgebe und du dich verraten würdest, wenn du mir nachgibst. Und hier sind wir auch schon bei gelebter Integrität.

Vielleicht finden wir einen Weg, der für uns beide passt. Wir machen uns einen Tag aus und du kannst frei wählen um wie viel Uhr. Vielleicht machen wir uns aus – diese Woche von 17-19 Uhr, egal an welchem Tag. Das wäre ein Kompromiss, sofern beide sagen „ja, das ist für mich okay.“ Du fühlst dich weiter frei, weil du wählen kannst, wann du kommst und ich mich sicher, weil ich konkret weiß, dass du dann und dann sicher vorbei kommst. Aber vielleicht ist das auch nicht genug – dann passt es nicht und dann muss ich dazu stehen, wenn ich wahrlich integer sein will.

Für mich beginnt Integrität da, wo ich auch die Konsequenzen tragen will und kann. Wo ich klar sagen kann, dass ich dazu stehe und sowohl fühle, was dann eben bei mir hoch kommt, als auch aushalte, was du dann fühlen könntest. Im Prinzip ist es so, dass du nicht gleichzeitig People Pleasing betreiben und integer sein kannst. Eine kurze Zusammenfassung – Integrität braucht das Bewusstsein über eigene Werte, die Fähigkeit sich zu reflektieren, das Verantwortungsbewusstsein, dass meine Taten und Worte etwas bei dir auslösen können und die daraus entstehenden Konsequenzen halten zu können.

Integrität kann frustrierend sein

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber manchmal bin ich frustriert. Im Allgemeinen versuche ich, so zu leben, dass ich mir am Ende des Tages noch in die Augen sehen kann. Und ehrlich gesagt macht mich das oft langsamer als andere. Weil ich Texte dreimal lese und überarbeite, bevor ich sie online stelle. Weil ich immer überlege „Was löst das in anderen aus?“.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel von Inferia. Wir bauen gerade so gut wie alles noch einmal um. Und ich weiß, das frustriert einige Spieler. Sie fühlen sich verunsichert, irritiert, vielleicht auch wütend oder traurig. Ich spüre die Erwartungen – dass Inferia schnell zurück kommt und ich weiß, wir sind langsam. Denn wir bauen gerade keine Funktionen sondern Bedeutung. Weil irgendwo unterwegs haben wir uns verloren. Wir haben Dinge abgesegnet, die nicht integer waren, sondern weil wir es Spielern leichter machen wollten. Nicht falsch verstehen – das ist nichts Schlechtes und auch nicht die Schuld der Spieler. Wir hätten aber hier integer sein und öfter „Nein“ sagen müssen.

Und jetzt haben wir beschlossen – entweder muss Inferia beendet werden oder wir bauen es um. Damit wir integer sein können und nicht Frust, Verbitterung und Wut empfinden. Damit wir uns eben nicht selbst übergehen und dann vor einem Scherbenhaufen stehen. Ich weiß, viele wünschen sich, dass wir schneller sind, aber das sind wir nicht. Wir müssten so viele unserer Grenzen dafür übergehen und unsere Werte verraten – das ist es einfach nicht wert. Also machen wir die Dinge in unserem Tempo. Langsam, aber stetig und so, dass wir danach stolz sein können. Auf uns, unsere Arbeit und Inferia.

Denn am Ende des Tages gehe ich aktuell ins Bett und kann mir in die Augen sehen. Weil ich weiß, ich handle nach meinen Werten. Nach dem was mir möglich ist. Und ich weiß, da steht vielleicht jemand und sagt „okay, dann ist Inferia nicht meins“ – und das ist okay. Es ist nicht leicht und auch nicht ohne Trauer, aber dafür ist es ehrlich. Und ja, manchmal sieht Integrität aus wie Stillstand. Doch am Ende ist es Verwurzelung. Die Verwurzelung in meinen Werten und in mir, in Inferia und der Welt. Es geht nicht darum, schnell zu sein. Es geht darum, mit sich selbt in Frieden leben zu können. Auf jeden Fall aus meiner Perspektive =)

Foto: Jenna Anderson / Unsplash

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