Grenzen – Kein Nein bedeutet nicht automatisch Ja
Ein wichtiger Aspekt zum Thema Grenzen ist die Unterscheidung zwischen fehlender Antwort und einem Ja. Denn nur weil jemand nicht aktiv „Nein“ sagt, heißt es nicht automatisch „Ja“. Was meine ich damit? Nehmen wir an, eine Bekannte ist zu Besuch und ihr wollt gemeinsam essen. Du hast bereits Pläne gemacht und sie sagt dir, was sie machen würde. Dann sagst du ihr, welche Bedenken du hast, schließt es aber nicht komplett aus, weil du gerade darüber nachdenkst – und sie beginnt schon mal, ihre Idee umzusetzen. Du hast nicht Ja gesagt, aber weil du nicht klar genug warst, wurde es so aufgefasst. Das ist nicht böse gemeint, aber es ist auch nicht in Ordnung.
Was passiert hier?
Die andere Person möchte dir vielleicht helfen oder etwas zeigen. Sie ist vielleicht begeistert oder hat viel Erfahrung. Also spricht sie mit dir darüber. An dieser Stelle will ich es nur einmal kurz anreißen, aber nicht vertiefen – ungefragtes Feedback ist bereits in manchen Fällen eine Grenzüberschreitung. Wir haben gelernt, überall unseren Senf dazuzugeben, aber nicht überall ist Feedback erwünscht und gewollt. Je nach Beziehung, sollten wir also bereits schon hier in uns gehen und zur Not einfach nachfragen „Hey, ich hätte da eine Idee dazu – willst du sie hören?“ Damit entgehen wir auch dem Problem, dass wir dem anderen unbeabsichtigt auf die Füße treten, weil er eben kein Feedback wollte und sich jetzt mies fühlt dadurch.
Zurück zum Ursprung – wir sind noch in der Küche und bekommen Feedback und eine Idee. Jetzt schaltet bei vielen das Harmoniebedürfnis oder People Pleasing dazu oder sie brauchen kurz Zeit um sich das Ganze durch den Kopf gehen zu lassen. Jemand kann sagen „hey, ich hätte das gerne so“, aber niemand hat den Anspruch darauf, dass du das dann auch (schnell) umsetzt. Und jetzt kommt der wichtige Punkt – wenn nicht gewartet wird – ist das eine Grenzüberschreitung.
Zwei Arten von Grenzüberschreitung
Ich will hier noch einmal auf zwei Arten von Grenzüberschreitungen eingehen – bewusste und unbewusste. Eine unbewusste Grenzüberschreitung kann zum Beispiel entstehen, weil die andere Person denkt, dein Zögern bedeutet Ja. Oder weil sie begeistert ist und gar nicht merkt, dass du es nicht bist. Manchmal ist es auch Impulsivität und nicht zwingend böse gemeint. All diese Dinge sind trotzdem nicht in Ordnung, auch wenn keine Absicht dahinter steckt. Und dann gibt es noch die bewusste Grenzüberschreitung. Sie passiert, wenn die andere Person merkt, dass du zögerst und es trotzdem tut. Wenn bewusst nicht gewartet wird oder wenn sich jemand einfach durchsetzt, egal was du fühlst. Bei einer unbewussten Grenzüberschreitung ist sich die Person über die Konsequenzen ihres Verhaltens oft nicht im Klaren. Bei einer bewussten Grenzüberschreitung wird hingegen in Kauf genommen, dass du dich dadurch schlecht fühlst.
Warum das grenzüberschreitend ist
Es ist eigentlich ganz simpel – du hast nicht Ja gesagt. Immer dann, wenn du nicht klar sagst „Ja“ – ist es ein „Nein“ oder ein „Warte kurz, ich überlege noch.“ Wenn die andere Person einfach macht, ist das nicht in Ordnung. Nicht, weil sie böse ist – sondern weil sie deine Grenzen nicht ehrt. Und ja, vielleicht wäre es ein Ja geworden .. aber das werdet ihr nie erfahren – denn die Zeit hattest du nicht.
Das ist kein Weltuntergang, aber er macht etwas mit eurer Beziehung. Wenn das einmal passiert, kann man es noch weglächeln – aber wenn es öfter vorkommt, dann fühlt sich etwas falsch an. Man fühlt sich nicht mehr wohl, vielleicht ist da auch ein grundlegendes Gefühl von „ich muss mich schützen“ oder sogar Ablehnung. Und dann gehen wir einen Schritt weiter – nicht immer hört es hier auf. Es bleibt nicht zwingend in der Küche und beim Kochen.
Es ist eine kleine Entmündigung. Ein kleines „ich weiß es besser“ oder ein „meine Idee ist besser“. Ein Einfallspunkt für weitere Fälle dieser Art. Im Alltag spürt man es manchmal nicht so gut, aber das Unterbewusstsein registriert diese Dinge und auch wenn man es nicht so wahrnimmt – es verändert Beziehungen. Nicht dramatisch, nicht laut und sofort – aber leise und schleichend. Man fühlt sich vielleicht kleiner als die andere Person. Vielleicht traut man sich nicht mehr, zu sagen was man denkt oder Pläne zu machen. Vielleicht steckt auch mehr dahinter … da ist vielleicht Angst oder ein Gefühl von „ich kann es eh nicht recht machen“ oder „ich bin nicht gut genug“.
Fazit
All diese Dinge beginnen irgendwann und irgendwo und wir dürfen hinsehen. Nicht, weil andere böse sind oder wir es besser machen müssen, sondern weil wir alle lernen. Wir lernen, wo unsere Grenzen sind und wann sie überschritten werden. Wir dürfen auf uns achten und wir sind auch nicht „zu viel“ wenn wir spüren – hier stimmt etwas nicht. Es muss kein riesiges Thema sein, wo unsere Grenzen übergangen werden – auch bzw. gerade der Alltag ist so wichtig. Gerade hier passieren Grenzüberschreitungen. Und in einer gesunden Beziehung, kann ich dieses Thema ansprechen.
Denn nur wenn ich es spüre und anspreche, kann sich etwas ändern – sofern beide dazu bereit sind. Und hier lohnt es sich, besonders achtsam zu sein: Viele Formen von Missbrauch beginnen genau hier. Dort wo nicht auf ein klares „Ja“ gewartet wird. Wo ich etwas tue oder mir nehme, was nicht erlaubt wurde. Grenzen werden nicht nur durch ein klares „Nein“ geschützt, sondern durch das Respektieren von Stille, Zögern und Nachdenken.
Ich habe hier schon einmal etwas, aus einer sehr persönlichen Sicht, zum Thema Grenzen geschrieben.
Foto: Drew Beamer / Unsplash

