Geschichten

Die Gezeichnete – Kapitel 2

Die Gezeichnete – Kapitel 1

Als alle schliefen, schlich sich Ryan wie bereits am Morgen aus dem Haus. Geduckt lief er durch das Dorf, bis ans andere Ende – zu Leylas Haus. Er wusste wo es lag, auch wenn sie ihm immer verboten hatte, dort hinzukommen.

Im Mondlicht konnte er nur wenig erkennen, doch das was er sah, ließ ihm den Atem stocken. Er wusste, dass Leylas Familie seit ihrer Geburt Probleme hatte. Auf dem Marktplatz hatte er oft genug gehört, wie die anderen Frauen flüsternd meinten, die Familie hätte Leyla damals loswerden sollen.

Doch als er sah, wie heruntergekommen das Haus war, kamen ihm die Tränen. Leyla musste nicht nur immer allein sein, sondern sie wohnte auch noch hier. Die Wände waren rissig, das Dach notdürftig geflickt und der Garten vollkommen überwuchert. Müll lag überall verstreut. Teilweise waren Fensterscheiben gesprungen, als hätte man versucht, sie von außen einzuschlagen.

Vorsichtig schlich er durch den Garten ums Haus und suchte Leylas Fenster. Er war zwar noch nie hier, doch sie hatte ihm erzählt, dass sie im Obergeschoss lebte und einen guten Blick auf den Wald um das Dorf hatte.

„Meine Eltern haben das Schlafzimmer auf der anderen Seite und sehen nur den langweiligen Apfelbaum im Garten. Ich kann die Eichhörnchen und Vögel beim Spielen beobachten“, hatte sie damals kichernd gesagt.

Er musste schmunzeln, als er daran zurückdachte. Leyla war trotz allem immer positiv geblieben und das bewunderte er sehr an ihr.

Auf dem Weg hierher, hatte er ein paar Kieselsteine gesammelt, um Leyla ans Fenster zu locken. Vorsichtig warf er die Steine gegen ihr Fenster.

Ryan wartete eine Minute.

Nichts.

Erneut warf er einen Stein und hielt den Atem an.

Keine Reaktion.

Er runzelte die Stirn. Ob sie woanders schlief? Es war zu riskant, es am falschen Fenster zu probieren und damit vielleicht Leylas Eltern zu wecken, daher warf er immer wieder Steine, bis er keine mehr hatte.

Doch auch dann wartete er noch ein wenig. Vielleicht hatte sie nur einen tiefen Schlaf oder wollte ihn ein wenig ärgern.

Aber nichts rührte sich.

Leyla kam nicht ans Fenster und auch sonst lag das Haus vollkommen ruhig da – wie ausgestorben.

Vielleicht war sie ja in der Höhle?

Schnell lief er über die Weiden zu ihrem Versteck und rief leise nach seiner besten Freundin. Doch auch hier war sie nicht.

Geknickt ging Ryan nach Hause. Morgen in der Schule würde er versuchen, sich mit Leyla davonzuschleichen. Er würde ihr sagen, dass diese Prophezeiung egal war und er trotzdem mit ihr befreundet sein wollte.

Dann wäre alles wieder gut.


Doch am nächsten Tag kam Leyla nicht in die Schule.

Den ganzen Tag über war er unruhig. Wo war Leyla nur? Heute Abend würde er es wieder versuchen. Dieses Mal würde er mehr Steine mitnehmen. Vielleicht hatte er es nur nicht lange genug probiert? Oder er hatte die Steine zu sanft geworfen?

Er würde auf jeden Fall nicht aufgeben!

Leyla war seine beste Freundin, und diese Prophezeiung war doch vollkommen schwachsinnig. Als ob sie jemals böse werden würde! Leyla war die liebste Person auf Erden, und das würde sich auch nicht ändern, nur weil drei Schwestern irgendetwas prophezeien.

In der ersten Woche nach der Prophezeiung ging Ryan jeden Tag zuerst zu Leylas Haus und dann zur Höhle.

Doch sie zeigte sich nie.

Auch in der Schule war sie nicht mehr.

Die Frauen am Marktplatz tuschelten bereits, ob Leylas Eltern endlich vernünftig geworden wären und Leyla weggeschickt hätten.

Leyla schien wie vom Erdboden verschluckt.

Über Wochen hinweg versuchte er es immer wieder, doch mit jedem Tag wurde er mutloser. Wollte Leyla ihn denn nicht sehen? Hatten die Frauen recht und Leyla war weg?

Das wollte er nicht glauben.

Ryan schlich sich nachts immer seltener aus dem Haus um Leyla zu sehen und irgendwann gab er ganz auf.

In der Schule wollten plötzlich alle mit ihm befreundet sein und die Lehrer gaben ihm noch mehr Aufgaben als sonst. Sie sagten, er müsse sich vorbereiten.

Der Sommer kam und ging.

Leyla blieb verschwunden.


Mit Herbstbeginn saß Leyla wieder in der Schule. Sie sah aus wie immer, doch sie sah niemanden mehr an. Sie weigerte sich zu sprechen und blieb für sich alleine.

Immer, wenn Ryan versuchte, sie abzupassen, war sie bereits weg. Auch in ihren Verstecken tauchte sie nicht auf. Er suchte sogar die ganzen alten Orte ab, doch von Leyla war keine Spur zu sehen.

Wieder schlich er sich nachts hinaus, um Leyla zu treffen – und wieder blieb sie verschwunden.

Irgendwann gab Ryan auf.

Er beobachtete sie verstohlen in der Schule, wenn keiner hinsah, und tat sonst so, als würde er sich auf die Prophezeiung vorbereiten, obwohl er nicht daran glaubte.

Doch alle aus dem Dorf beobachteten ihn.

Er musste sich also anstrengen, sonst würden sie ihm noch mehr Aufgaben geben und er hätte gar keine Zeit mehr.


Die Zeit verging und Leyla blieb stumm.

Wenn andere sie ärgerten, reagierte sie nicht einmal, sondern ging einfach weg.

Wann immer Ryan versuchte, Leyla zu verteidigen, wurde er von den Erwachsenen ausgeschimpft. Er dürfte kein Mitleid haben, sonst würde er später seine Aufgabe nicht erfüllen können.

Schweren Herzens sah er irgendwann nur noch zu und sagte nichts.

Er freundete sich mit einigen der fiesen Kinder an und lernte, wie er sie ablenken konnte, damit sie Leyla in Ruhe ließen.

Mit jedem Tag wurde er spürbar stärker – nicht nur körperlich sondern auch im Umgang mit seiner Magie.

Er lernte immer mehr neue Zauber, bis er bereits mit zwölf Jahren auch die schwierigsten beherrschte.

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