Die Gezeichnete – Kapitel 1
Leyla ist die Gezeichnete.
Ryan ist der Auserwählte.
Das Dorf glaubt an Prophezeiungen.
Ryan glaubt an Leyla.
Als die Dunkelheit näher rückt, muss er sich entscheiden:
Ob er das Schicksal erfüllt – oder alles opfert, um einen anderen Weg zu gehen.
Eine Geschichte über Liebe, Wahrheit und das, was von uns bleibt.
Klonk. Leise treffen Steine auf sein Fenster
Ryan richtete sich auf und lauschte ins Haus. Keine Schritte. Auf leisen Sohlen schlich er zum Fenster und kletterte hinaus. Hinter einem Baum versteckt sah er ihre Silhouette. Sie deutete ihm, sich zu beeilen und er musste lächeln.
Sie war schon immer ungeduldig gewesen. Er wusste, dass ihre Eltern das anstrengend fanden, aber ihn hatte es nie gestört. Er sah es anders: Ihre Ungeduld zeigte nur, wie sehr sie sich auf das freute, was da kommt. Eigentlich war das etwas Schönes.
Er schmunzelte und kletterte leise die Steinwand hinunter. Im Winter verfluchte er diese Steinmauer zwar, weil es dadurch im Haus immer kalt war, aber für seine heimlichen Treffen, war sie perfekt. Er hielt noch einmal inne und lauschte. Alles war ruhig.
Schnell huschte er durch den Garten – zu seiner besten Freundin Leyla.
Gemeinsam liefen sie so leise wie möglich durch das Dorf und über die Weiden – hin zu ihrem geheimen Versteck. Er verstand nicht ganz, warum alle Leyla mieden. Er fand sie großartig. Sie war lustig, klug und steckte voller Ideen. Außerdem war sie stark – und hübsch.
Er liebte ihre roten Locken, die Sommersprossen und die grünen Augen, die immer schelmisch funkelten. Sie war wie ein Sonnenstrahl an einem düsteren Tag.
Während sie über die Weiden liefen, dachte er zurück an den Tag, an dem er das erste Mal eine Regel gebrochen hatte.
Es war im Kindergarten gewesen. Alle spielten fröhlich miteinander, aber Leyla saß ganz alleine in einer Ecke. Sie sah ein wenig traurig aus, also ging er zu ihr und spielte mit ihr.
Sofort kamen die Erzieherinnen und trennten sie von einander. Sie tat so, als würde es ihr nichts ausmachen. Doch er hatte gesehen, wie ihr ganzes Gesicht geleuchtet hatte, als er kurz bei ihr war.
Das war der Moment, in dem sie Freunde wurden.
Immer wieder schlichen sie sich weg, um miteinander zu spielen. Sie machten sich geheime Zeichen aus, die sie ständig änderten und waren immer auf der Suche nach neuen Verstecken. Blieben sie zu lange an einem Ort, kamen die Erzieherinnen ihnen auf die Schliche.
Seine Eltern hatten ihm damals verboten, je wieder mit Leyla zu sprechen. Er durfte sie nicht einmal ansehen. Er hatte gefragt warum, aber sie sagten das wäre „Erwachsenenkram“.
Bald würden sie in die Schule gehen und vermutlich wird sich nicht viel ändern. Sie würden sich weiter heimlich treffen – bis sie alt genug waren, um selbst entscheiden zu können.
Als er aus seinen Erinnerungen auftauchte, waren sie an ihrem Lieblingsort angekommen. Am Fuß einer Klippe, direkt neben dem Wald. Angeblich war der Wald gefährlich, darum ging nie jemand hierher.
Bisher war ihnen noch nichts Gefährliches begegnet und selbst wenn – Leyla war so stark, dass ihnen nichts geschehen würde.
„Ich werde dich beschützen – was auch immer passiert.“ hatte sie einmal zu ihm gesagt.
„Erde an Ryan! Schläfst du noch?“
Leyla hatte die Hände in die Hüfte gestemmt und funkelte ihn an.
„Sorry Leyla, ich war gerade in Gedanken. Was hast du heute vor?“
Sie grinste ihn breit an. „Wollen wir den Wald erkunden? Nicht weit, nur so, dass wir den Waldrand noch sehen. Ich würde gerne schauen, ob wir Pilze finden.“
„Klar, aber lass uns nah am Waldrand bleiben. Der Wald ist gruselig!“
Sie kicherte. „Du bist so ein Angsthase, Ryan. Ich habe es dir schon so oft gesagt: Was auch immer passiert – ich passe auf dich auf.“
Sie nahm ihn an der Hand und zog ihn mit sich Richtung Wald. In dem Moment, in dem sie die Baumgrenze passierten, schien es, als wären sie in eine andere Welt getreten. Es war eiskalt und in der Ferne hörte man ein Heulen. Überall raschelte es und es drang kaum Sonnenlicht durch die Blätter.
„Ich kann kaum etwas sehen.“ murmelte Ryan.
„Ich auch nicht. Weißt du was? Lass uns wieder gehen.“
Leyla sah sich aufmerksam um und zog ihn zurück in Richtung Klippe. Sobald sie den Wald verließen, atmeten beide auf.
„Okay, der Wald ist wirklich gruselig“, sagte Leyla. „Lass uns einfach weiter an der Höhle bauen, okay?“
Ryan nickte und folgte ihr – zu ihrem Geheimversteck.
Doch als sie die Höhle betraten, hörten sie Schritte hinter sich.
Leyla zog Ryan hinter sich und breitete die Arme aus, um ihn abzuschirmen.
Drei Frauen betraten die Höhle. Sie waren erwachsen und hatten schwarzes langes Haar. Sie sahen sich sehr ähnlich; einzig ihre Augenfarben unterschieden sich.
Die Frau auf der rechten Seite hatte blaue Augen, die in der Mitte braune und die auf der linken grüne. Alle drei trugen lange schwarze Kleider und schwarze Stiefel.
Sie sprachen gleichzeitig, und es klang, als wären sie nicht ganz bei sich.
„Wir sehen Stärke in dir. Du bist der, den sie vorhergesehen haben. Der, der kommt, um das Dorf durch die Zeit der Dunkelheit zu führen. Es ist dir vorherbestimmt.“
Ihr Blick glitt zu Leyla.
„Du hast deine Prophezeiung bereits erhalten. Erinnere dich und tue das, was richtig ist. Es wird Verlockungen geben. Widerstehe ihnen. Nur so kannst du deinen Teil erfüllen.“
Leyla wurde leichenblass und begann am ganzen Leib zu zittern, während die drei Frauen die Höhle verließen.
„Leyla? Was meinen sie? Was ist los?“
Doch sie schüttelte nur den Kopf. „Du musst schnell zurück gehen. Sie werden deinen Eltern davon erzählen und du musst zu Hause sein. Lauf schon mal vor. Ich muss jetzt auch nach Hause.“
Sie schob ihn aus der Höhle.
„Los, lauf! Wenn du nicht zu Hause bist, werden sie wissen, dass du bei mir warst!“
Eigentlich wollte er bei ihr bleiben und sie trösten. Doch sie hatte Recht.
Er lief los, so schnell er konnte, kletterte über Weidenzäune und rannte über die Felder. Die Sonne ging gerade auf, und da er alleine war, musste er sich nicht verstecken wie sonst.
Gerade rechtzeitig kam er zu Hause an. Die Frauen stolzierten über den Marktplatz.
Er schlüpfte in den Garten, bevor sie an der Haustür ankamen. Während seine Eltern vorne die Tür öffneten, schlich er sich durch die Hintertür ins Haus und lief ins Bad.
„Ryan! Kommst du bitte!“ rief die Stimme seiner Mutter.
Er trat zur Tür und sah die drei Frauen irritiert an. „Wer ist das?“
„Das sind die drei Schwestern Kleo, Lana und Ari“, sagte seine Mutter. „Sie sind gekommen, um uns von deinem Schicksal zu erzählen.“
Die drei Frauen wiederholten, was sie ihm bereits in der Höhle gesagt hatten.
„Wir sehen Stärke in dir. Du bist der, den sie vorhergesehen haben. Der, der kommt, um das Dorf durch die Zeit der Dunkelheit zu führen. Es ist dir vorherbestimmt.“
Dann fügten sie hinzu:
„Halte dich fern von der Gezeichneten. Sie wird dein Untergang sein.“
Mit diesen Worten gingen sie.
Seine Mutter hatte Tränen in den Augen. „Ich kann es nicht glauben! Unser Sohn ist der Auserwählte! Zum Glück haben wir dich stets von ihr fern gehalten. Es ist nun noch wichtiger denn je, dass du diese Leyla nicht einmal ansiehst. Verstehst du mich? Sie ist die Gezeichnete!“
Ryan verstand gar nichts.
Im Wohnzimmer begann seine Mutter zu erzählen:
„Es gibt eine Prophezeiung. Vor langer, langer Zeit kamen die drei Schwestern schon einmal ins Dorf. Sie erzählten von einer Zeit, in der die Dunkelheit im Dorf Einzug halten würde. Sie sagten voraus, dass nur eine Person die Kraft haben würde, die Dunkelheit abzuwehren.
Kurz vor dem sechsten Geburtstag des Auserwählten würden die Schwestern wiederkommen und ihn besuchen. Sie würden ihm die Kraft voraussagen, die Dunkelheit aufzuhalten, und ab diesem Tag würde sie immer weiter ansteigen. Mit dem achtzehnten Geburtstag würde die Kraft vollständig erwacht sein, und kurz darauf würde die Dunkelheit kommen.
Doch die Dunkelheit hat jemanden in unseren Reihen platziert. Diese Person ist die Gezeichnete. Sie wird der Untergang des Auserwählten sein. Sie wird wunderschön sein und voller Güte, doch all das wird verschwinden, wenn die Dunkelheit hereinbricht.
Denn die Gezeichnete wird das Gefäß der Dunkelheit werden. An diesem Tag, wird all das Gute in ihr verschwinden. Ihre Seele wird der Dunkelheit geopfert werden, und ab diesem Tag, wird sie nicht mehr existieren.
Diese Gezeichnete mein Kind, das ist Leyla. Darum darfst du nicht mit ihr spielen oder sprechen. Stell dir nur das Leid vor, dass es auslösen wird, wenn ihr befreundet wärt – in dir und ihr!“
Seine Mutter griff sich ans Herz. „Wir mögen grausam wirken, aber in Wahrheit wollten wir euch nur schützen.“
Seine Mutter umarmte ihn und sah ihm fest in die Augen. „Ich weiß, das ist viel zu verarbeiten und dass du Mitleid mit Leyla hast. Aber bitte halte dich fern. Zu ihrem und deinem Wohl!“
Sie umarmte ihn noch einmal und ging dann in die Küche, um das Frühstück vorzubereiten.
Ryan war wie gelähmt.
Seine Mutter hatte Recht. Allein das Wissen, dass Leyla verschwinden würde, riss ihm den Boden unter den Füßen weg. Sie hatte es gewusst. All die Jahre schon.
Sie hatte sich nie beschwert. Nie erklärt. Immer nur gesagt, es sei besser so.
Er verschwand in sein Zimmer und konnte nicht aufhören zu weinen.
Wegen dem, was er war.
Und wegen dem, was sie war.
Und wegen all des Leids, dass Leyla all die Jahre still getragen hatte.

